17/11/15

Skulpturen der Natur

Im Zentrum Paul Klee nähern sich drei Dutzend Kunstschaffende dem Baum als Sinnbild von Lebensprinzipien

von Florian Weiland
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Berlinde De Bruyckere, After Cripplewood IV, 2014, courtesy the artist and Hauser & Wirth, © Berlinde De Bruyckere
Auf einer Fotografie von Ana Mendieta presst sich eine nackte Frau an einen mächtigen Baumstamm, so dass sie fast eins mit dem Baum wird. Viele Künstler träumen in ganz ähnlicher Weise von einer neuen, harmonischen Einheit zwischen Mensch und Natur. Zurück zur Natur, lautet das Motto. Doch ist es dafür nicht schon längst zu spät? Anselm Kiefer feiert sich als Bezwinger der Natur. Den Arm zum Hitlergruß erhoben, steht er – ein Bild aus seinem mehrteiligen Gilgamesch-Zyklus – auf dem Baumstumpf einer gefällten Zeder.

Bäume sind ein ebenso mächtiges wie vielschichtiges Symbol. Sie stehen für Kraft und Stärke. Ihr stetiges Wachstum wird von vielen Künstlern – begonnen bei Paul Klee bis hin zu William Kentridge – auch als Vorbild für kreative Prozesse gesehen. Doch die Lebenszeit eines Baumes ist endlich. Der Mensch trägt einen entscheidenden Anteil daran. Das kann solche Ausmaße annehmen wie bei den illegalen Rodungsaktionen im Regenwald. Ursula Biemann und Paulo Tavares dokumentieren in ihrer Videoarbeit „The Land Grant. Forest Law“ den Kampf der Amazonasindianer, denen der Wald heilig ist, gegen die Ausbeutung der Natur. Zumindest diese Aktion hatte Erfolg. Die Regierung stoppte das Fällen der Bäume.

 Wie kann man Gegenwartskunst einem möglichst breiten Publikum nahe bringen? Die Lösung, die das Zentrum Paul Klee anbietet, ist die Ausstellung „About trees“. Man braucht nur ein übergreifendes Thema zu wählen, mit dem jeder, auch der nicht so kunstaffine Besucher, etwas anfangen kann. Bäume zum Beispiel. In der Ausstellung werden Arbeiten von etwas mehr als 30 Künstlern gezeigt, die mit dem Motiv des Baumes spielen. Die Ausstellung soll Emotionen wecken. Aber mehr noch: „Die Bäume, denen wir hier begegnen“, ist Museumsdirektor Peter Fischer überzeugt, „lassen uns nachdenken über die Welt und uns selbst“.

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Ugo Rondinone, wisdom? Peace? Blank? All of this?, Sammlung Maja Hoffmann, Schweiz, © Ugo Rondinone
Valérie Favre fühlte sich vom Thema derart inspiriert, dass sie gleich eine ganze Reihe neuer Gemälde anfertigte. Immer wieder kommt es zu spannenden Gegenüberstellungen. Direkt nebeneinander gehängt, verraten etwa die frühen Gemälde von Louise Bourgeois eine überraschende Nähe zu den Bildern Paul Klees. Man könnte Bäume als von der Natur geformte Skulpturen bezeichnen. Der Künstler braucht nicht viel mehr zu tun, als dieses natürliche Kunstwerk zu konservieren. Ugo Rondinone verneigt sich vor der Natur, indem er den Abguss eines angeblich 2000 Jahre alten Olivenbaumes präsentiert. Berlinde De Bruyckere zeigt den Wachsabguss einer riesigen Baumwurzel. Der entwurzelte Baum erscheint wie ein versehrter, menschlicher Körper. Wolfgang Tillmans setzt eine heutige Version von Adam und Eva in Szene. Doch die Zeiten paradiesischer Wälder sind passé. Von Menschen unberührte Landstriche gibt es kaum noch. Die australische Künstlerin Rosemary Laing beklagt diesen Umstand in mehreren Fotoarbeiten. Und doch: Wer lange genug sucht, findet noch die unberührte Natur. Sogar in der Schweiz. Der Berner George Steinmann hat urtümliche Wälder in seiner Heimat fotografiert. Die Abzüge wurden mit Heidelbeersaft fixiert, der seit Hildegard von Bingen als Heilmittel gilt und unsere Sicht und Wahrnehmung verbessern soll. Ein Plädoyer, dass es höchs­te Zeit ist, umzudenken. Davon lässt sich Michael Sailstorfer nicht beeindrucken. Er sprengt einen Baum in die Luft. So fällt der Abschluss der kurzweiligen Ausstellung äußerst düster aus. In einer Endzeitvision lässt der mexikanische Künstler Carlos Amorales Wölfe durch den toten Wald streifen. „Mein Freund der Baum ist tot“, sang Alexandra in den 1960er Jahren. In Bern steuert man dagegen. Vor Renzo Pianos markanten Museumsbau werden – ein lang gehegter Wunsch des Stararchitekten – eine ganze Reihe neuer Bäume gepflanzt. Es gibt noch Hoffnung.

 

About Trees.
Zentrum Paul Klee
Fruchtland 3, Bern.
Öffnungszeiten: Dienstag bis Sonntag 10.00 bis 17.00 Uhr. Bis 24. Januar 2016.
Zur Austellung ist ein Katalog erschienen: Snoeck Verlag, Köln 2015, 184 S., 35 Franken.




Zentrum Paul Klee