13/11/15

Mal an die Wespen denken

Eine Ausstellung im Kunstmuseum Solothurn zeigt, dass bei Vaclav Pozarek der Teufel im Detail steckt

von Simon Baur

pozarek1.jpgVaclav Pozarek, SO, Ausstellungsansichten Kunstmuseum Solothurn, 2015, Foto: Dominique Udry
Vor lauter Bäumen den Wald nicht mehr sehen. Vermutlich hat das Sprichwort Christian Morgenstern für sein bekanntes Gedicht „Der Lattenzaun“ inspiriert: „... und nahm den Zwischenraum heraus und baute draus ein grosses Haus ...“. Das Gedicht steht am Anfang des neuen Kataloges über Vaclav Pozarek, der begleitend zu seiner Einzelschau im Kunstmuseum Solothurn erscheint. Das Sprichwort erinnert gleichzeitig an Bilder von René Magritte, einem Seelenverwandten Pozareks. Wer die Ausstellung in Solothurn genauer ins Visier nimmt, muss zugeben: Pozarek ist ein Surrealist im weiteren Sinn. Verwirrt? Dabei stehen Sie erst einige hundert Meter vom Waldrand entfernt. Und da draussen finden Sie in der Tat noch gar nichts zu sehen. Also ab in den Forst, hinein zu Rot- und Schwarzwild. Treffsicher liegt die Ausstellung im Kunstmuseum im Zeitraum der Jagdsaison des Kantons Solothurn.

Die Ausstellung beginnt mit einfachen Objekten. An einer Wand hängt eine Girlande mit zwölf Lampenfassungen, doch einzig in die neunte Fassung ist eine Birne geschraubt. Zu Beginn jeden neuen Monats wechselt der Künstler die Birne in eine der nachfolgenden Fassungen. Die Dimension der Zeit wird so visualisiert. Wenige Meter davon entfernt liegen sechzehn Gipsstangen als Viereck angeordnet übereinander und bilden eine Art Gitterform. Eine Serie von Zeichnungen an der Wand visualisiert, wie sich jeweils zwei weisse Formen auf schwarzem Grund zueinander verhalten. Sie sind eine Art Schlüssel zum Verständnis, denn bei Pozarek geht es immer wieder um Beziehungen unterschiedlicher Körper und Räume zueinander. Deutlich ist dies im dritten Saal der im Gegenuhrzeigersinn verlaufenden Ausstellung, die rechts vom Eingang ins Museum beginnt, zu sehen. Der Raum ist durch weisse Wände unterschiedlicher Dimensionen unterteilt. Innerhalb des Raums ist eine Mittelachse zu erkennen, durch die man den Raum traversieren kann. Sichtbar ist sie von Aussen nicht, da die Türen zum Raum zur Achse versetzt liegen. Zudem irritieren die unterschiedlichen Höhen der Stellwände. Die Situation ähnelt einem Stall für Pferdeboxen. Und auch hier stellt sich ein Magritte-Motiv ein, bekannt aus der Reiterin, die durch den Wald reitet, indem ihr Pferd mal vor, mal hinter den Bäumen hindurch schreitet.

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Vaclav Pozarek, SO, Ausstellungsansichten Kunstmuseum Solothurn, 2015, Foto: Dominique Udry
Unterschiedliche Kisten und Kästen, mal ganz und mal halb offen, mal offensichtlich und dann wieder verwinkelt, futuristische Nistgelegenheiten für Singvögel oder Kathedralen für Wespen. Objekte voller Anspielungen, wie „Winkel-Chlebnikov“, Hommage an den russischen Dichter und Autor der ersten futuris­tischen Oper „Sieg über die Sonne“. Daneben aber technische Perfektion: Alle Schrauben werden senkrecht ins Holz gebohrt, Nägel in millimetergenauen Abständen eingeschlagen, Leimstellen unsichtbar gemacht, auch sind bei bemalten Objekten keine Pinselspuren sichtbar. Eine ästhetische Bereicherung, auch für Blaumeisen und Wespen. Weshalb Pozareks Arbeiten so komplex sind? Weil wir im einen immer alles sehen wollen. Auch hier mal an die Wespen denken. Ihre Augen setzen aus Hunderten von Punkten ein ganzes zusammen. Noch Fragen? Eine Arbeit von Pozarek ist noch lange nicht der Pozarek. Wir sollten immer alles zusammen nehmen, die Zeichnungen auf die Objekte und diese auf die Installationen beziehen. Ein astrales Gebilde denken, ein Pozarek-Kosmos, mit Fixsternen, Satelliten und Asteroiden, die alles zerstören wollen. Tabula rasa machen, um wieder von vorne anzufangen.        

 

Vaclav Pozarek: SO.
Kunstmuseum Solothurn
Werkhofstr. 30, Solothurn.
Öffnungszeiten: Dienstag bis Freitag 11.00 bis 17.00 Uhr, Samstag bis Sonntag 10.00 bis 17.00 Uhr. Bis 3. Januar 2016.

Vaclav Pozarek: Architektonik, Fotografien. Scheidegger & Spiess, Zürich 2016, 144 S., 58 Euro | ca. 58 Franken.




Kunstmuseum Solothurn