12/11/15

Über die Familienbande

Das Kunstmuseum Thun erkundet den „Kontinent Morgenthaler“ samt vorgelagerter Inseln

von Annette Hoffmann
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Karl Geiser, Denkmal Abbé Bovet, o.J.
Eine Ausstellung einer einzigen Familie zu widmen, mutet als ein etwas seltsames Unterfangen an, sobald diese nicht gerade Mann heißt. Die Bedeutung von Ernst Morgenthaler (1887-1962) für die Schweiz mag groß sein, sie endet vermutlich aber auch an den Landesgrenzen. Doch betritt und erkundet man im Kunstmuseum Thun den „Kontinent Morgenthaler“ ergeben sich Überraschungen. Viele Momente, die in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts wichtig für die Schweizer Kulturgeschichte waren, stehen mit dieser Familie in Verbindung. Das liegt an dem weiten Beziehungsnetz, das Ernst und Sasha Morgenthaler (1893-1975) zu bildenden Künstlern, Dichtern, Schriftstellern, Musikern und Intellektuellen gespannt hatten.

Als Robert Walser am 25. Dezember 1956 im Schnee starb, trug er einen Brief Ernst Morgenthalers bei sich und eines der Notizbücher Adolf Wölflis ist mit dem Zusatz „Heft Sasha Morgenthaler“ überschrieben. Ihr Schwager, der Oberarzt der „Irrenanstalt Waldau“ Walter Morgenthaler hatte sich für die Kunst der psychisch Kranken interessiert und 1921 das Buch über Adolf Wölfli „Ein Geisteskranker als Künstler“ veröffentlicht. Sasha Morgenthaler, die in Genf Kunst studiert hatte, ist vielen durch die nach ihr benannten Puppen bekannt. Max Bill entwarf das Logo. Ihre Mutter gehörte zu den ersten Sammlern von Paul Klee, für den Sasha Morgenthaler wiederum Kleidung für die Puppen seines Sohnes nähte. Dass die Ausstellung jetzt in den heimeligen Räumen des ehemaligen Thunerhofs stattfindet und auch auf derart viel Material zurückgreifen kann, liegt daran, dass Ernst und Sasha Morgenthaler im Kanton Bern aufgewachsen sind und die Stadt Thun den Nachlass von Ernst Morgenthaler verwaltet.

„Der Kontinent Morgenthaler“ ist also keine ganz konventionelle Kunstausstellung. Sie bildet zwar die Entwicklung des Malers Ernst Morgenthaler ab. Von ihm sind Porträts seiner Frau, Bilder von den drei Kindern, auch ein Selbstporträt vor der Staffelei zu sehen und das 1959 entstandene „Paradies-Triptychon“, dessen Mittelteil allein idyllische Zustände darstellt. Auf diesem scheint ein kindlicher Orpheus mit der Flöte die Tierwelt zu besänftigen und Elefanten, Giraffen, Vögel und Löwen miteinander zu befrieden. Auf dem rechten Bild hingegen hat ein Jäger seinen Fuß auf das von ihm erlegte Zebra gestellt. Nicht weniger Raum nehmen im Kunstmuseum Thun jedoch die Sasha-Puppen ein. Ihr Erfolg bestand darin, nicht einfach Mädchen und Jungen in Miniaturformat zu schaffen, sondern Eskimos, Existenzialisten und Berliner Vorstadtkinder. Ab Mitte der 1960er Jahre verkaufte auch die Migros die Puppen, die auch immer Sammlerexemplare waren. Man muss sie nicht, wie es das Kunstmuseum Thun tut, in den Kontext der Marionetten von Sophie Taeuber-Arp stellen. Man darf sich Sasha Morgenthaler, die aus einer Adelsfamilie stammte, später Hebamme lernte und während des Krieges Flüchtlinge betreute, einfach als eine kluge und lebenstüchtige Frau vorstellen. Mit ihrer Puppenproduktion fand sie eine wohl ganz einträgliche Nische mit künstlerischem Anspruch. Der Kontinent Morgenthaler ist vor allem durch seine vorgelagerten Inseln spannend. Etwa durch Karl Geiser, mit dem Sasha Morgenthaler ein Verhältnis hatte und der über Jahre eng freundschaftlich mit der Familie verbunden war. Von ihm ist etwa der Velofahrer zu sehen, aber auch die Skizzen, die in Arbeitergegenden entstanden. Von Geisers Werken geht ebenso eine Spannung aus wie von denen Robert Walsers. Vom Autor werden einige seiner Mikrogramme gezeigt. Der Kontinent Morgenthaler konnte solche Verwerfungen integrieren und wuchs so zu einem Zeitpanorama.      

 

Der Kontinent Morgenthaler: Eine Künstlerfamilie und ihr Freundeskreis.
Kunstmuseum Thun
Hofstettenstr. 14, Thun.
Öffnungszeiten: Dienstag bis Sonntag 10.00 bis 17.00 Uhr, Mittwoch 10.00 bis 19.00 Uhr.
Bis 22. November 2015.
Zur Austellung ist ein Katalog erschienen: Scheidegger & Spiess, Zürich 2015, 207 S., 48 Euro | ca. 49 Franken.




Kunstmuseum Thun