06/11/15

Annaïk Lou Pitteloud

Die Lausanner Konzeptkünstlerin Annaïk Lou Pitteloud thematisiert in ihren minimalistischen Arbeiten das Unsichtbare im Sichtbaren

von Annette Hoffmann

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Annaïk Lou Pitteloud, Additional Fact-Finding on Immaterial Relations, 2012, Courtesy the artist & Galerie Barbara Seiler, Zürich
Schilder mit schwarzen Großbuchstaben auf weißem Grund stehen im Raum: AA, BB und CC. Man kennt sie aus der Spurensicherung, gleich ist man ein bisschen vorsichtig und ja, auch ehrfürchtig vor dem Drama, das sich hier abgespielt haben muss. Doch eigentlich kennt man sie nur aus dem „Tatort”, der lediglich vorgibt, hier sei etwas Schlimmes passiert und uns zugleich in der Gewissheit wiegt: Egal, wie furchtbar es auch gewesen sein mag, Aufklärung ist immer möglich. Annaïk Lou Pitteloud (*1980) hingegen ist ziemlich gut im Verwischen von Spuren. Ob diese einmal zu einer fiktiven Geschichte geführt haben oder einer, die wirklich passiert ist, wer mag das noch entscheiden? Ihre 2012 entstandene Arbeit „Additional Fact-Finding on Immaterial Relations“ lässt sich als Modell für Relationen lesen, bei dem die Künstlerin (AA), das Werk (BB) und der Betrachter (CC) sich im Wechselverhältnis finden müssen. Die Installation war Referenz und zugleich deren Manifestation.

Das Charakteristische an den Arbeiten der Welschschweizerin, die sich auf kein Medium festlegen lassen, ist ihre Mehrdeutigkeit. Gepaart mit einem Minimalismus, der so reduziert ist, dass, würde man ihn noch steigern, vermutlich nichts mehr von ihm übrig bliebe. „Working Title“ heißt der Ausstellungstitel ihrer Einzelschau im Kunstmuseum St. Gallen. Es kann also immer noch sein, dass auch dieser verschwindet und einem anderen Titel weichen wird. Pitteloud, die an der Hochschule Bern studiert hat, mit zwei Swiss Art Awards augezeichnet wurde und 2016 den Manor Kunstpreis Lausanne erhalten wird, gelingt in ihren Werken ein beachtlicher Spagat: Sie macht etwas Unsichtbares im Sichtbaren sichtbar. Vor drei Jahren zeigte sie in ihrer Zürcher Galerie Barbara Seiler die Arbeit „Out, sent message, variable dimensions“. Sie bestand aus nichts als einer SIM-Karte, auf der möglicherweise wirklich die besagte verschickte SMS gespeichert wurde. Nur, wer die Karte einspeisen könnte, hätte auch die Möglichkeit, die Nachricht zu lesen. Aber Pittelouds Suggestion ist auch ihre eigene – und das wiederum gewinnt die Sympathie des Betrachters und bewirkt, dass er sich auf dieses Spiel einlässt. In ihrer mehrteiligen Serie „White Between the Darlings“ stellte sie Paarungen von Kunstpostkarten zusammen und rahmte sie in Passepartous. Sie zeigen mal das gleiche Werk, mal das gleiche Motiv, wurden aber sichtlich zu unterschiedlichen Zeiten an unterschiedlichen Orten erworben. Dem Titel folgend vermutet man unweigerlich, dass die Karten aus dem Besitz der Künstlerin stammen und sie diese in Museumsshops gekauft haben muss. Doch die Werktreue der Abbildungen ist zweifelhaft, nicht selten unterscheiden sich die Farben deutlich von der Partnerkarte und vom Original. Indem Pitteloud so einerseits Einblick in ihre eigenen Vorlieben gibt, reflektiert sie andererseits zugleich die Bedingungen der Inszenierung, Bildbearbeitung oder Reproduktion, die sanft mitbestimmen, wie wir uns an Kunstwerke erinnern. Das ist ein bisschen so, als ob eine Spurensichererin etwas von sich an den Tatort schmuggeln würde.       

 

Annaïk Lou Pitteloud: Working Title.
Kunstmusem St. Gallen
Museumstr. 32, St. Gallen.
Öffnungszeiten: Dienstag bis Sonntag 10.00 bis 17.00 Uhr, Mittwoch 10.00 bis 20.00 Uhr.
7. November 2015 bis 13. März 2016.

 

Annaïk Lou Pitteloud & Steve Van den Bosch.
Barbara Seiler
Anwandstr. 67, Zürich.
Öffnungszeiten: Mittwoch bis Freitag 14.00 bis 18.00 Uhr, Samstag 12.00 bis 16.00 Uhr.
21. November 2015 bis 16. Januar 2016.




Kunstmuseum St. Gallen
Galerie Barbara Seiler