09/11/15

Erinnern und Vergessen für den Neuanfang

Rabih Mroué erkundet in Mulhouse die Gefahren des Erzählens anhand der Geschichte seiner Familie im Libanesischen Bürgerkrieg

von Heidi Brunnschweiler
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Rabih Mroué, Mer méditerranée, 2015, Ausstellungsansicht La Kunsthalle Mulhouse, courtesy the artist

Die Bilder vom Krieg, die dieser Tage wieder so zahlreich auf uns einströmen, haben meist eine dramatische Rhetorik. Infernalische Rauchsäulen werden zur visuellen Anklage unverhältnismässiger Angriffe eingesetzt. Die Ausstellung von Rabih Mroué (*1967) in der Kunsthalle Mulhouse, die vom Bürgerkrieg im Libanon handelt, ist dagegen distanziert. Der Autor und Theatermacher, der die Ausstellung selbst kuratierte, arbeitet bewusst mit epischen Kleinformen, will er doch die Betroffenheit dramatischer Überwältigungsstrategien vermeiden. Weil Mroué auch die Gefahren des Erzählens kennt, vermittelt er Geschichten um den Krieg subjektiviert, fragmentiert und exemplarisch am Beispiel seiner Familie.

Die Dramaturgie der fünf thematisch lose zusammenhängenden Bereiche, die Erinnerung, Archiv, Nationalismus, militante Gesinnung oder Schuldanerkennung umkreisen, ist unaufgeregt und erfolgt bei hellem Tageslicht. Die Expografie ist eine Aufforderung zu reflektierter Auseinandersetzung mit der eigenen Geschichtserfahrung sowie den blinden Flecken ihrer Wahrnehmung und Konstruktion. Wenn es eine Chance für eine bessere Zukunft gibt, müssen neue Denkmuster heranwachsen. Dazu braucht es nicht nur Erinnerung, sondern auch Vergessen, auch wenn das schmerzhaft ist. Weiss als Farbe des Verblassens und der Trauer dominiert denn auch Mroués Präsentation.

Diese zurückhaltende Inszenierung erschafft einen offenen Denkraum, der festgefahrene, bisher als zwingend betrachtete Narrative dekonstruiert und ihre Wurzeln offenlegt. So etwa kann die mehrteilige Installation „Grandfather, Father and Son“ (2010) im letzten Raum, als Parabel für die Beschränkung und Gebundenheit des eignen Denkens und Handelns betrachtet werden, die auch die Weitergabe von Wissen und Geschichte unbewusst über Generationen prägt. Die Bedeutung der Verknüpfungen für die Wissenserzeugung thematisiert Mroué hier durch die Karteikarten der Bibliothek seines Grossvaters, die er als minimalistisches Relief an die Wand bringt, und mit einem Text zu unterschiedlichen Ordnungssystemen der Bücher versieht.

Für den Enkel Rabih Mroué ist der kritische Umgang mit der eigenen Geschichte und ihren Voraussetzung zentral. Wie wir erfahren, war er wie sein Grossvater während des Bürgerkriegs Mitglied der kommunistischen Partei, die er sozusagen blind, aus Familientradition, unterstützte. Zur Installation gehört auch ein Video, auf dem Mroué seine einzig veröffentlichte Kurzgeschichte aus „Al Nidda“, einer der kommunistischen Partei nahen Zeitung vorliest. Mroués monotones monologisches Sprechen dringt weit in den Ausstellungsraum und überlagert sich mit den eindringlichen Basstönen aus der Installation „Mer Méditerranée“ (2010) im vorderen Teil der Ausstellung. Der Grundkonflikt der Geschichtsschreibung, sich zwischen Epik und Dramatik verhalten zu müssen, wird dadurch wirkungsvoll tonal inszeniert. Gefühlmässige intensive Momente gehen auch von der Arbeit „2 Hours without War“ (2013) aus. Mroué zeigt die zwei letzten Spielminuten des WM-Fussballfinales von 1982 zwischen Italien und Deutschland in Zeitlupe, als die Waffen zwischen den Konfliktparteien im Libanon ruhten. Auch die Stimme des Bruders berührt, der in unterschiedlichen Lebensaltern leidenschaftlich für Krieg, Gewalt und Märtyrertod plädiert.

Auch wenn Mroués weitgehender Verzicht auf Emotionalität aufgrund der gefährlichen Kampfbegeisterung, die die libanesische Gesellschaft so lange und tief prägte, verständlich ist, läuft seine allzu nüchterne Präsentation Gefahr, die meisten Besucher kalt zu lassen und an ihnen vorbeizugehen. In diesem Dilemma steckt die weit allgemeinere Frage: Wie gelingt es, einen reflektierten Umgang mit Geschichte nicht als abgehobene intellektuelle Position, sondern als realpolitische Ebene in die allgemeine Mentalitätsgeschichte einzubringen?        

 

Rabih Mroué, Mer Méditerranée.
Kunsthalle Mulhouse
16 rue de la Fonderie, Mulhouse.
Öffnungszeiten: Mittwoch und Freitag 12.00 bis 18.00 Uhr, Donnerstag 12.00 bis 20.00 Uhr, Samstag und Sonntag 14.00 bis 18.00 Uhr.
Bis 15. November 2015.




La Kunsthalle