16/11/15

Masse en détail

Lionel Favre zeigt in der Katholischen Akademie Freiburg fantasievolle Erweiterungen des Planbaren

von Manuel van der Veen

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Lionel Favre, Ensemble, 2014

Wer sich von religiösen Konnotationen eher abschrecken lässt, wird sich von Lionel Favres (*1980) Ausstellung in der Katholischen Akademie Freiburg „…und der Mensch erschafft die Welt“ verwirrt und gleichzeitig angezogen fühlen. Man begegnet dort Zeichnungen, technischen Plänen und Figuren, neu kombiniert.

Eine Vielzahl an Werken des Schweizer Künstlers sind hier zu sehen, eine Masse an Details, die wunder- und sonderbare Geschichten erzählen. Ein technischer Plan fordert Genauigkeit, um eine Umsetzung zu garantieren. Genauigkeit garantiert jedoch keinen Realismus. Charaktere wie aus dem Comic tummeln sich neben „the yellow submarine“ und unzähligen Heiligen. Und sie wuseln in einem mikroskopischen Maßstab, akribisch genau und mit bloßer Hand ausgeführt. Die Ausstellung bietet dem Betrachter eine Lupe als Hilfe an, es ist kein Gag der Kuratorin Hanna Lehmann, sondern der künstlerischen Logik inhärent. Keine Chance, das Gesamtbild zügig zu erfassen. Lediglich ein fragmentierter Blick auf die Geschichten ist möglich. Das Papier ist vergilbt und wirkt fragil. Was sonst verstauben würde, findet durch Favres konstruktive Hand eine Erweiterung. Das größtenteils surreale Figurenkabinett à la Hieronymus Bosch nimmt den Plänen ihre ursprüngliche Funktion und den fatalen Ernst. Favre erhebt die sich vielleicht widersprechenden Instanzen auf eine Ebene, indem er Perspektiven und Maßstäbe umfunktioniert. Ein Plan ist ja etwas sehr Abstraktes, er löst das Gebäude von seiner Materialität ab und erfindet Sichtweisen hinzu. Konstruktionen sind immer Konstruktionen der Fantasie, auch wenn sie einmal an Realität gewinnen sollten.

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Lionel Favre, Sonnensystem, 2014

Akribisch recherchiert Lionel Favre die Geschichte der dargestellten Gebäude. So erinnert der spuckende Fisch zusammen mit den Flugzeugen über dem Freiburger Münster an die Operation Tigerfish, die Bombardierung der Stadt 1944. Das Münster, welches weitgehend verschont blieb, beherbergt einige gewaltdarstellende Figuren, welche Favre nach außen kehrt. In einem lockeren Arrangement posieren hier der auf den Kopf gestellte Petrus und „Die Höllenfahrt der Verdammten“ vor einem Trümmerhaufen, welcher Caspar David Friedrichs Gemälde „Das Eismeer“ entspricht.

Lionel Favres Geschichten haben viele Bezüge, sind aber auch bezugslos amüsant und die festen Regeln der technischen Zeichnung werden wie der Kopf auf Favres „Momentausschalter“ einfach ausgeknipst. Die Bilder mischen sich unter den belebten Alltag der Katholischen Akademie. Im Vorbeigehen sind die Arbeiten nicht zu erfassen und so muss man zwischen zwei aufgeregt bewohnten Welten innehalten, die Lupe aufs Detail gerichtet.

 

Lionel Favre, … und der Mensch erschafft die Welt.
Katholische Akademie
Wintererstr. 1, Freiburg.
Öffnungszeiten: Montag bis Freitag 8.30 bis 18.15 Uhr.
Bis 2. Dezember 2015.

 




Katholische Akademie