03/11/15

Ins Bild hinein und durch es hindurch

Das Freiburger Kunsthaus L6 widmet Marco Schuler eine Einzelausstellung

von Sören Schmeling

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Marco Schuler, peep, 2015, Ausstellungsansicht Kunsthaus L6, Freiburg, courtesy the artist, Foto: Jürgen Rösch

Marco Schuler steckt in seinem orangefarbenen Piloten-Overall und wickelt sich in ein schwarzes Quadrat aus Gummi, um sich der Länge nach durchs Kunsthaus L6 zu rollen. Er müht sich ab, das widerständige 30 Kilo schwere Material an sich zu ziehen, um weiterkullern zu können. Dann stößt er an die Wand, weil eine gerade Bahn nicht einzuhalten ist. So findet man in seiner Ausstellung „peep“ im Freiburger Kunsthaus L6 neben dem Video dieser Aktion auch schwarze Schrammen unten an den Wänden als Zeugnisse dieses Ereignisses. Die schwarze Gummimatte liegt jetzt als Plinthe unter einer stehenden Aluminiumfigur. In der Ferne prangt an der Wand ein kleines, aber umso strahlenderes orangenes Quadrat, ebenso sakral erhöht, wie einst Malewitschs schwarzes. Es scheint, als seien die Elemente des Auftaktvideos grundlegend verwandelt und zu einem Endpunkt gekommen. Das einst biegsame, verlebendigte schwarze Quadrat ist nun feste Basis einer Statue, das Orange des Overalls, in dem sich der Mensch abmühte, zu einem signalfarbenen suprematistischen Bild geworden. Oder wie Marco Schuler es ausdrückt: „Ich will in das Bild hinein und durch das Bild hindurch“. Sich also buchstäblich hineinwickeln, obwohl das Ende des Bildes bereits grell vor Augen steht. Dass Schuler den Kampf gegen die finale Gegenstandslosigkeit nicht aufgibt, wird bei seiner Finissage am 8. November zu sehen sein. In einem komplett neuen Setting zeigt er großformatige Malereien, in denen immer wieder Gegenständliches aufblitzt. Die derzeit präsentierten figurativen Arbeiten erscheinen oft als seine eigenen Stellvertreter im Bildwerdungsprozess – ebenso spannungsgeladen wie widersprüchlich. So wirkt das kniehohe exzentrisch auf der schwarzen Gummimatte platzierte Männchen fragil und massiv zugleich. Schuler schnitt es aus porösem Styropor heraus, um es dann in Alu zugießen. Auch bildinhaltlich werden diese Gegensätze deutlich. Die Figur steckt in einer Art Raum- oder Taucheranzug, ihr behelmter Kopf wird jedoch von übergroßen, viereckigen Augen eingenommen, die leer und verloren wirken. Gepanzert und standhaft, steht es doch auf verlorenem Posten. Die Augenpaare sind ein Leitmotiv, wie der Ausstellungstitel „peep“ nahelegt. Viele der Arbeiten wirken daher wie eine ambivalente Auseinandersetzung mit Georges Didi-Hubermanns „Was wir sehen, blickt uns an“. Die Blicke der Bildwerke wirken oft leblos oder maskenhaft. Der Betrachter kann in sie hinein und durch sie hindurchschauen, ohne sie wirklich zu ergründen. Oder sie verweigern ihm den Blick, wie die Stoffarbeit „Headset (Mund)“ von 2015 an der Stirnseite des Ausstellungsraums: Ein Gesichtsoval ohne Augen, dessen Mundöffnung den Blick auf die Wand freigibt. Zwar ist man versucht, Augen in das Objekt zu imaginieren, wird aber vom hermetischen Ausdruck des Gesichts und der objektiv durchschaubaren Form des Bildwerks permanent zurückgesetzt. Wie in einer Peepshow heißt alles sehen, noch lange nicht alles begreifen zu können. Besonders Schulers großformatige Textilbilder spielen mit dem Reiz der Oberfläche und dem dahinter Versteckten. Schuler bespannt Keilrahmen mit Stoffen von Damenstrümpfen. Stoffe also, die dazu dienen, den Menschen zu verhüllen und doch vom Darunter eine Ahnung zu geben. Man möchte sie anfassen, man möchte ins Bild hinein.

Marco Schuler, peep.
Kunsthaus L6
Lameystr. 6, Freiburg.
Öffnungszeiten: Donnerstag bis Freitag 16.00 bis 19.00 Uhr, Samstag bis Sonntag 11.00 bis 17.00 Uhr.
Bis 8. November 2015. www.freiburg.de




Kunsthaus L6