21/10/15

Das Medium ist nicht allein die Botschaft

In Esslingen befasst sich die Malerei-Ausstellung „Better than de Kooning“ mit hybriden Körpern

von Annette Hoffmann
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Lee Lozano, Ohne Titel, 1962, Courtesy The Estate of Lee Lozano, Hauser & Wirth

Natürlich war es einfach nur eine Frechheit, als Peter Saul (*1934) 2008 eines seiner Bilder mit „Better than de Kooning“ betitelte. Das Werk des kalifornischen Künstlers war mehr eine Parodie als ein Kräftemessen mit dem 1997 verstorbenen Willem de Kooning. Seit den 1960er Jahren arbeitete Saul an einem Malstil, der vom Surrealismus mindestens genauso beeinflusst war wie vom Abstrakten Expressionismus, der Pop-Art, aber auch dem Comic verpflichtet war. Von weitem mag sich – in Anlehnung an de Koonings „Women“-Serie – sogar eine Frauengestalt auf der Leinwand erkennen lassen. Doch je näher man dem Bild kommt, desto mehr drängt sich das Bonbonbunte auf, das noch dadurch verstärkt wird, dass Saul die Farbe oftmals hintupft. Das Virile, geradezu Machohafte, was de Kooning, vor allem aber sein Antipode Jackson Pollock zelebrierte, greift dann eine Frau wie Lee Lozano (1930-1999) in ihrer Malerei auf. In vielen ihrer bereits in den 1960er Jahren entstandenen Bildern wachsen unmissverständlich Phalli aus Gesichtern.

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Peter Saul, Better than de Kooning, 2008, Courtesy David Nolan Gallery, New York
Lozanos bizarre Fratzen sind es auch, die eine Verbindung zum Prolog der Esslinger Malerei-Ausstellung „Better than de Kooning“ schlagen. Eine Wandinstallation steht den Ausstellungsräumen voran, die um den Lichthof der alten Industriellenvilla angeordnet sind. Sie erinnert an die Groteske als gemeinsame Wurzel von Karikatur und Comic. Neben Sekundärliteratur, Originalcomics und Grandvilles „Entwürfe einer anderen Welt“ sind auch Winsor McCays frühe Bildfolgen über die Alpträume des Rarebit Fiend zu sehen, dem unter anderem träumte, er würde sich in Stücke auflösen, sobald ein Blatt vom Baum fiele. Manierismus ist auch eine Reaktion auf ein gefährdetes Gleichgewicht. Die von Andreas Baur und dem diesjährigen „Esslinger Bahnwärter“-Stipendiaten, dem Maler Marcus Weber kuratierte Ausstellung geht der Spur der hybriden Körper von Lee Lozano nach. Und das bis in die Gegenwart. Von Jana Euler (*1982) etwa wird die dreiteilige Arbeit „The D-Motions indeliberatly sending out a strong message“ aus dem Jahr 2011 gezeigt. Die unfreiwillige Botschaft lautet dann über drei Leinwände hinweg: „Beeing the medium is exhausting“. Gebildet wird sie von einer Art Kopffüsslern, die für Buchstaben stehen, und die sich mal ganz häuslich geben – das G putzt Zähne, das B geht die Treppe hoch – oder die in Sessellandschaften vor sich hin lümmeln. Medium zu sein, erschöpft also.

 Und diese Doppeldeutigkeit der Malerei, mit dem Motiv immer auch auf das Medium selbst zu zielen, ist das andere große Thema dieser Ausstellung. Doch anstatt erschöpft zu wirken, macht die Schau einen ganz frischen und humorvollen Eindruck. Das liegt nicht zuletzt daran, dass die Auswahl mit Werken von Maria Lassnig (1919-2014), Amy Sillman (*1955) und Sue Williams (*1954) zwar auf der Höhe der Zeit, aber jenseits der großen Malerges­ten geführt wird. Michel Majerus (1967-2002) etwa stellt diese eingangs geradezu bloß. Majerus hatte 1995 Georg Baselitz‘ Arbeit „Die großen Freunde“ adaptiert, allerdings in der bunten Farbgebung, wie sie die deutsche Ausgabe der Vogue in ihrer damaligen Juliausgabe fälschlicherweise abgedruckt hatte. Sue Williams malt 2005 mit „Bindweed and Red“ ein Bild, das zuerst ein wenig an die Sprechblasen des Comics erinnert und einen geradezu ornamentalen Eindruck macht. Dann jedoch erkennt man in den gelb-grünen Flächen, die rot konturiert sind, Organe aller Art, viel Geschlinge und Gekröse. Während Günter Reski (*1963) auf einem Kleinformat „Männliche Körperöffnungen“ darstellt. Der Leib ist eine Insel, die von viel Blau und verschiedenen Streifen umgeben ist, und auf der Ohren, Augen, Penis und After ein unabhängiges Eigenleben führen. Der Körper bzw. seine Fragmentierung wird hier zum Bild für eine Malerei, die Potenzial hat, sich fortzupflanzen.

Better Than de Kooning.
Villa Merkel
Pulverwiesen 25, Esslingen.
Öffnungszeiten: Dienstag 11.00 bis 20.00 Uhr, Mittwoch bis Sonntag 11.00 bis 18.00 Uhr.
Bis 15. November 2015.
Zur Ausstellung ist ein Katalog erschienen: Snoeck Verlag, Köln 2015, 144 S., 24,80 Euro | ca. 32.40 Franken. 




Villa Merkel