23/05/12

Größer als Erfstadt-Libar

Der Kunstraum Baden zeigt "Bigger than Life" und schaut hinter die Kulissen von Legendenbildungen.

von Annette Hoffmann
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„Life can be simple, verry simple“ ‒ gut, dass es mal jemand gesagt hat. Es ist nicht die einzige Binsenweisheit, die Jesse Joe Walsh in der Videoarbeit „Ways of Worldmaking“ von sich gibt. Genau genommen sind es nur Gemeinplätze, die die Künstlergruppe collectif_fact dem Schauspieler in den Mund gelegt hat. Der Zuschauerraum, vor dem der Mann spricht als deklamiere er gerade Shakespeare, gähnt vor Leere. Und die Rede gibt nur vor, einen Wendepunkt in seinem Leben zu begründen, der Spannungsbogen bleibt flach. Wie sollte es auch anders sein, denn collectif_fact hat den Text aus Filmen wie „Clockwork Orange“ und „Kill Bill“ zusammengestellt. Ihre Arbeit „Ways of Worldmaking“ markiert Bedeutung lediglich durch Aneinanderreihung, die Lücken werden nicht durch eine Erzählung geschlossen oder anders gesagt, benützen Annelore Schneider und Claude Piguet die Filme, um eine allgemeine Phrasenhaftigkeit zu entlarven. Zu sehen ist ihr Video nun mit Werken von Markus Müller, Guido Nussbaum, Nele Stecher und dem Relikt einer Performance von Domenico Billari in der Ausstellung „Bigger than Life“ im Kunstraum Baden.

Die Gruppenschau bläht die Kunst auf Hollywoodformat auf und zeigt zugleich die Rückseite der Kulissen. So kam Billaris Performance bei der Vernissage mit Hilfe der örtlichen Feuerwehr zustande und Markus Müllers Skulpturengruppe „Concrete“ besteht tatsächlich aus betongrau bemalter Spanplatte und die modernistische Skulptur, die das Ensemble bestimmt, erinnert an Überbleibsel sozialistischer Denkmalkultur. Ganz einfach wirkt das Leben auch auf dem Foto, das Gudrun Ensslin und Andreas Baader 1969 in einem Pariser Café zeigen. Ein ganz normales Paar, möchte man meinen. Nele Stecher hat es nun in ihrer Serie „Lektüre“, die nun im Kunstraum Baden erstmals zu sehen ist, mit einem Text unterlegt, der den Mythos RAF gründlich unterläuft. Da berichtet die Bildunterschrift unter dem Foto des Hochhauses in Erfstadt-Liblar, in dem Hanns Martin Schleyer gefangen gehalten wurde, von vertraulichen Unterredungen mit einer seiner Entführerinnen, die er am Ende beim Monopoly-Spielen gewinnen ließ. Und der Kommentar zum Ort der Entführung Schleyers weiß von einem produktiven Missverständnis zwischen dem Terroristen und der Witwe, das sie erst zur solchen werden ließ. Nele Stecher deutet in ihrer Werkreihe „Legende“ nicht nur die emotional aufgeladenen ikonografischen Bilder des deutschen Herbstes um, sie gibt ihnen auch die denkbar absurdesten Wendungen.

Bigger than Life. Kunstraum Baden
Haselstr. 15, Baden.

Öffnungszeiten: Mittwoch bis Freitag 14.00 bis 17.00 Uhr, Samstag und Sonntag 12.00 bis 17.00 Uhr.
Bis 24. Juni 2012.
Kunstraum Baden