19/10/15

Voll aufgedrehte Stille

Alles so schön ruhig hier: Soundmaster Christian Marclay gibt im Aargauer Kunsthaus keinen Ton von sich

von Dietrich Roeschmann
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marclayfroosh.jpgChristian Marclay, Actions: Froosh Sploosh Woosh Sskuusshh Splat Blotch (No. 2), 2012, Foto © White Cube (George Darrell)

„Es beginnt mit wandernden Xylofonklängen und explodiert dann in ein militaristisches Mantra mit hypnotischem Schlagzeug und brüllenden Akkorden. Die rissigen, roboterhaften Riffs heulen, als ob sie aus dem Ghettoblaster eines New Yorker Discofreaks stammten.” Ja, so kennen wir ihn: Christian Marclay (*1955), Grandmaster der Pop-Collage, lautstark, experimentierfreudig und immer auf die Zwölf. Allein: hier ist nichts zu hören. Der aberwitzige Track, den der in Genf geborene Amerikaner in seiner Soloschau im Aargauer Kunsthaus vorstellt, existiert nur in Worten. Als endloser Bandwurmsatz kriecht er an der Wand entlang. Folgt man ihm, entfaltet er stumm die Vorstellung einer bizarren Soundlandschaft im Kopf. „Mixed Reviews”, aus Versatzstücken zahlloser Musikrezensionen montiert, in denen die Autoren verzweifelt um eine Sprache für ihre Hörerfahrungen ringen, gehört zu den verschwiegensten und reduziertesten Arbeiten dieser wunderbar suggestiven Ausstellung.

Seit gut dreißig Jahren arbeitet Christian Marclay an der Übersetzung von Sound in Bilder und Videos. Das Material für seine Klangvisualisierungen findet er in den Archiven der Popkultur. In den Neunzigern vernähte er erotisch aufgeladene LP-Cover zu irren Körpercollagen oder experimentierte als DJ mit Schallplatten, die er aus den Trümmern zersägter Vinyl-Scheiben zusammengeklebt hatte. Mit dem panisch lärmenden Video „Guitar Drag”, für das Marclay eine E-Gitarre mit seinem Pickup bei aufgedrehtem Verstärker über abgelegene texanische Wüstenpisten schleifte, schuf er später ein wütendes Denkmal für den Afroamerikaner James Byrd Jr., der von amerikanischen Neonazis gelyncht worden war. Einem breiten Publikum bekannt wurde er schließlich mit der 2011 entstandenen 24-Stunden-Videocollage „The Clock”, zusammengeschnitten aus Tausenden von Filmschnipseln, in denen Hollywood-Stars gebannt auf tickende Armbanduhren, Radiowecker oder Zeitbomben-Displays starren. Der synchron zur Lebenszeit des Publikums tickende Film gehört heute zu den Blockbustern des Kunstkinos.

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Christian Marclay, Actions: Plish Plip Plap Plop (No. 3), 2013, courtesy the artist and Paula Cooper Gallery, New York, Foto: Will Lytch
Im Aaraguer Kunsthaus hat Marclay nun seine erste Ausstellung im Mute-Modus realisiert, inklusive japanischem Teehaus zum Lauschen in die Stille und zwei niedlichen Maschinen, die Seifenblasen in den Innenhof pusten, wo sie dann schweigend zerplatzen. Man könnte darin eine hübsche Promo-Aktion für den taufrischen „Action”-Zyklus des 60-Jährigen sehen, der hier gleich mehrere Säle belegt. Mit ironischem Seitenblick auf Malerfürsten wie Jackson Pollock oder Willem de Kooning widmen sich die großformatigen Gemälde dem satten Klang des Action Paintings. Zu sehen sind wüste Abstraktionen im Look des Abstrakten Expressionismus, die Marclay mit dem Soundvokabular ihres Entstehungsprozesses – Smak! Squish! Sploosh! – überschrieben hat. Diese Faszination für die Imaginationskraft klingender Worte begleitet Marclay seit langem. Schon für seine frühe Serie „Comic Book Pages” übermalte er Seiten aus alten Comic­heften, bis nur noch Begriffe wie „Smaash!” oder „Pa-Ta-Poom!” über das Papier tanzten. Mittlerweile hat Marclay daraus eine regelrechte Bildenzyklopädie der Onomatopoesie entwickelt, die wie seine Filmarbeiten den Prinzipien der Aneignung und des Samplings folgt. Die 20 Meter lange Papierarbeit „Manga Scroll” etwa, in Aarau im Stil einer japanischen Bildrolle präsentiert, setzt sich aus unzähligen, zu einer einzigen, nervösen Tonspur montierten Comic-Klangwörtern zusammen, die zugleich die Partitur für diverse Tanz- und Poetry-Performances im Rahmen der Ausstellung liefert. In der animierten Raumprojektion „Surround Sounds” schließlich treten die Comicwörter selbst als Protagonisten ihrer Semantik auf. Tonnenschwer krachen hier die „Thumps!” von der Decke, „Vroooms!” rasen durch den Raum, und hin und wieder explodiert ein grelles „Bam!” auf der Wand – bis man irgendwann glaubt, das Pfeifen eines Tinnitus zu hören. Selten ist absolute Stille so laut.  

       

Christian Marclay: Action.
Aargauer Kunsthaus
Aargauerplatz, Aarau.
Öffnungszeiten: Dienstag bis Sonntag 10.00 bis 17.00 Uhr, Donnerstag 10.00 bis 20.00 Uhr.
Bis 15. November 2015.
Zur Ausstellung ist ein Katalog erschienen: Hatje Cantz, Ostfildern 2015, 174 S., 45 Euro | ca. 64.90 Franken.
Christian Marclay: Shake, Rattle and Roll. Staatsgalerie Stuttgart.
16. Oktober 2015 bis 20. März 2016.

 




Aargauer Kunsthaus