16/10/15

Mitten in der Abbruchliegenschaft

Die Zürcher Künstlerin Clare Goodwin kuratiert in Olten das „Museum of the Unwanted”

von Simon Baur
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Museum of the Unwanted, Ausstellungsansicht, mit Werken von Brighid Lowe, Shana Lutker und Clare Goodwin, Fotografie: Nico Müller

Wie lässt sich das eigene Netzwerk an Freunden mit der Leidenschaft für Brockenhäuser vereinen? Ganz einfach. Man kuratiert eine Ausstellung mit dem Titel „The Museum of the Unwanted“, das Museum des Unerwünschten, sucht Künstler aus den eigenen Reihen, welche die geheime Leidenschaft teilen und lädt sie nach Olten zu einer Gruppenausstellung. Nicht nur das Dispositiv ist unkonventionell, auch die Ausstellungsarchitektur ist ungewohnt. So stammen die verwendeten Stellwände aus einer kürzlich zu Ende gegangenen Schau im Historischen Museum Baden, die nun in die Oltener Räume so geschickt integriert wurden, dass man bisweilen glaubt, man befände sich nicht in bester Altstadtlage, sondern in einer Abbruchliegenschaft an der Stadtperipherie. Wiederverwertung oder Recycling, ein Begriff den die Kuratorin nicht besonders schätzt, Transformation wäre angebrachter, werden die Objekte doch durch ihren veränderten Einsatz zu neuen Dingen, die eine Art Katalysatorwirkung auf neue Konstellationen ausüben.

Von Pascal Danz sind die beiden Bilder „Voodoo Child“ und „Exotic Vintage Dancer“ zu sehen, Motive sind die Figürchen und Nippes, die unseren Haushalt bevölkern. Hier sind sie als Gemälde gross aufgeblasen und werden so zu Hausgenossen, die man nicht mehr achtlos verstauben lässt. Speziell, wie Danz mit diesen kleinen plastischen Objekten umgeht, ihnen Leben einhaucht, ein diffuses Licht in den Bildern setzt, das doch stark plastisch wirkt. Traurig nur, dass die Ausstellung auch gleich eine Hommage an Pascal Danz ist. Dieser ist Mitte September bei einem Unfall auf Island gestorben. Von Clare Goodwin selbst sind geometrische Malereien zu sehen, die sich auf ornamentale Krawattenmuster beziehen und in den gezimmerten Gestellen stehen, die das Museum in einem besonderen Enteignungsverfahren aus einer vergangenen Ausstellung aus dem historischen Museum in Baden übernommen hat. Anna Barriball schneidet Blattmotive aus einem Vorhangstoff und zerstreut die einzelnen Stoffblätter auf dem Boden, so dass der Raum einem herbstlichen Mischwald ähnelt. Charlie Jeffery holte verschiedene Türen aus einer Oltener Abbruchliegenschaft und besprayte sie mit unterschiedlichen Farben, wobei eine sich wiederholende Form auf einem langen Ast eines Baumes beruht, der seinerseits seiner Funktion enthoben wurde. Diese Verdoppelung von Sinnentleerung wirkt bei aller Buntheit verstörend und regt zum Nachdenken über die Nebenwirkungen der Konsumgesellschaft an. Costa Vece versammelt Büchsen, Pet-Flaschen und Kleider seiner Eltern zu alchemistischen Assemblagen. Selbst in Appenzell aufgewachsen, der Vater Italiener, die Mutter Griechin, könnten seine Arbeiten auch Ausdruck einer kulturellen Verständigung sein. Wenn im oberen Stock plötzlich ein Kleiderständer voller Mäntel und flankiert von einigen Pet-Flaschen steht, so muss man zweimal hinsehen, um zu erkennen, ob es sich um Kunst oder Realität handelt.

Die Erfahrung, dass man doppelt hinsehen muss, um sich der Kunst zu vergewissern, macht man vielfach in dieser Ausstellung. Immerhin haben wir es mit dem Museum des Unerwünschten zu tun und was ins „Fegefeuer“ gehört, wollen wir auch nicht sehen. Dies mitberücksichtigend, ist es eine Ausstellung über unsere Gewohnheiten, über unsere Wahrnehmung und letztlich auch eine über unsere blinden Flecken. Und wer diese Aspekte mitberücksichtigt, für den wird der Gang durch die Ausstellung zum „Musée imaginaire“, zur Entdeckungsreise oder zu einem Trip durch die Geisterbahn.        

Clare Goodwin: Museum of The Unwanted.
Kunstmuseum Olten
Kirchgasse 8, Olten.
Öffnungszeiten: Dienstag bis Freitag 14.00 bis 17.00 Uhr, Donnerstag 14.00 bis 19.00 Uhr, Samstag und Sonntag 10.00 bis 17.00 Uhr.
Bis 22. November 2015.
Ein Katalog zu Ausstellung ist im Vexer Verlag erschienen, St. Gallen / Berlin 2015, 2 Bde., 40 S. / 64 S., 30 Franken.

 




Kunstmuseum Olten