14/10/15

Ikonografien der Kontrolle

Wie Verschwörungstheorien Wirklichkeit werden: Zu einer der sieben Schauen des 6. Fotofestivals Mannheim-Ludwigshafen-Heidelberg

von Christian Hillengaß

poloni.jpgMarco Poloni, aus der Serie „Permutit – Scenes from a Film”, 2005 (u.r.), © Marco Poloni

Etwas verfolgt uns. Etwas beobachtet uns auf Schritt und Tritt. Auf unsichtbare Weise saugt es aus unserer Kommunikation Leben und Macht. Dieses Etwas ist im Begriff, die Welt zu erobern, dieses Etwas will uns steuern. Wenn es denn nicht bereits die Welt erobert hat, uns nicht sowieso schon lange lenkt. So ließe sich das Raunen zusammenfassen, das die von Urs Stahel kuratierte Schau „Kommunikation und Kontrolle“ im Heidelberger Kunstverein erzeugt. Im Rahmen des 6. Fotofestivals Mannheim-Ludwigshafen-Heidelberg steht sie in einer Reihe von sieben regionalen Ausstellungsorten, die eine kritische Perspektive auf die prekären Felder der globalisierten Gegenwart eröffnen. Insbesondere drei der insgesamt fünf künstlerischen Positionen im Kunstverein versuchen sich in einer Visualisierung dieses Etwas; in der bildhaften Erfassung jener unsichtbaren Kontrollmacht, die bei ihnen offensichtlich auf der Vorstellung eines kapitalistisch-militärischen Komplexes US-amerikanischer Prägung fußt. Das mag auf den ersten Blick abgegriffen wirken und einen Hauch von Verschwörung transportieren. Aufgrund der bekannten politischen Tatsachen und dank des interessanten Zusammenspiels der Werke von Trevor Paglen (*1974), Melanie Gilligan (*1979) und Marco Poloni (*1962) behält die Sache jedoch ihren Ernst.

Paglens aufwendig und präzise recherchierte Arbeiten bilden den ästhetischen Ruhepol der Ausstellung, auch wenn die Ruhe auf seinen Fotografien trügerisch ist. Nur ganz klein lässt sich auf einer großformatigen himmelblauen Aufnahme eine Drohne entdecken. Daneben malerische Aufnahmen des nächtlichen Sternenhimmels, die von Leuchtlinien durchzogen werden. Es sind die Spuren von Spionagesatelliten, die Paglen mit einer eigens entwickelten Software ortet und identifiziert. Eine ähnlich zugängliche Ästhetik spricht aus seinen Aufnahmen geheimer militärischer Abhöranlagen, die er aus großer Entfernung mit extremer Brennweite heranholt und ablichtet. Melanie Gilligans Videoarbeit „Popular Unrest“ gliedert sich in fünf Episoden und erzählt von wildfremden Menschen, die sich wie aus dem Nichts zu intimen Gruppen zusammenschließen, ja am liebsten in die Haut der anderen schlüpfen würden und sich schließlich in zweifelhafte wissenschaftliche Versuchsanordnungen begeben. Alles wird dort von einer Macht durchdrungen – „The Spirit“ – die nicht nur nach allseitiger Kontrolle strebt, sondern auch Morde aus heiterem Himmel verübt. Von unsichtbaren Händen geführte Messer stoßen auf Einzelne nieder, überraschen und töten in allen Lebenslagen. Was im Setting des modernen London wie eine wirre Splatterfantasie wirkt, stimmt spätes­tens dann nachdenklich, wenn man das von Paglen ausgestellte Originalvideo einer Drohnensteuerung sieht, deren Zielkreuz sich einem Traktorengespann am Boden bedrohlich nährt. Marco Polonis fotografische Serie „Permutit – Scenes from a Film“ bildet einen gelungenen Zusammenklang mit Gilligans Filmepisoden und Paglens Aufnahmen. Auch bei ihm wird die Architektur einer kalten modernen Welt als Spielfeld jener strukturellen Gewalt inszeniert, die von einer unsichtbaren Kontrollinstanz ausgeht. Wie als Versuch, diese in einzelne Personen aufzuspüren, finden sich anonyme graumelierte Anzugträger in Polonis Bildern, die sich in Lobbys, Restaurants, Sitzungsräumen und Straßenzügen bewegen, nicht selten in Begleitung eleganter Damen. Eine gewisse Aura ist ihnen sicher, aber es bleibt fraglich wie ernstgemeint die Personifizierung der Kontrolle durch diese Herren gemeint ist. Taugt hier eine klassische Bildsprache überhaupt noch? „Macht und Kontrolle“ stellt diese Frage, sensibilisiert für aktuelle Entwicklungen und verhandelt neue Ikonografien der Kontrolle. 

 

6. Fotofestival Mannheim-Ludwigshafen-Heidelberg: Kommunikation und Kontrolle.
Heidelberger Kunstverein
Hauptstr. 97, Heidelberg.
Öffnungszeiten: Dienstag bis Sonntag 11.00 bis 19.00 Uhr. Bis 15. November 2015.
Zum Festival ist ein Katalog erschienen: Kehrer Verlag, Heidelberg 2015, 272 S., 29,90 Euro | ca. 40 Franken.

 




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