01/10/15

Bilder einer Sammlung

Eine Ausstellung im Museum für Gegenwartskunst Basel befasst sich mit Strategien der Aneignung

von Annette Hoffmann
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louiselawler.jpgLouise Lawler, Why Pictures Now, 1981, courtesy the artist

Die Fanfare dröhnt selbst noch im Basler Museum für Gegenwartskunst. Doch die Ehrfurcht, die diese Klänge auslösen sollen, will sich nicht einstellen. Die Augen heften sich stattdessen auf das Gesicht von Andrea Fraser (*1965), das in der Menge jeden Moment gut auszumachen ist. Es ist immer ein bisschen komisch, Menschen beim Kunstanschauen zuzusehen, während man selbst Kunst anschaut. Auch wenn die Mechanismen, die in einer Institution wie dem Museum für Gegenwartskunst wirken, subtiler sind als in den Vatikanischen Museen, wo sich gerade Andrea Fraser mit unzähligen anderen Besuchern und mit einem Audioguide versehen zur Sixtinischen Kapelle schiebt. In ihrem 2005 entstandenen Video „A Visit to the Sistine Chapel“ ahmt die amerikanische Künstlerin jene Empfindungen nach, die die Dramaturgie des Audioguides mitsamt musikalischen Einspielungen nahelegt. Man sollte Kunstbetrachtung nicht als eine interesselose Beschäftigung verstehen, sie folgt ökonomischen Gesetzen. Appropriation-Art, wie sie Andrea Fraser schafft, ist auch immer Institutionskritik. Das bedeutet nicht, dass diejenigen, die ihre Arbeiten zeigen, davon ausgespart bleiben.

Unter dem Titel „Von Bildern. Strategien der Aneignung“ befasst sich eine Themenschau im ersten Obergeschoss des Museum für Gegenwartskunst mit der Appropriation-Art. Fast schien es, dass die Ausstellungen dazu anwuchsen je mehr unser digitaler Alltag von solchen Formen der Aneignung bestimmt wird. „Von Bildern. Strategien der Aneignung“ ist da also ein bisschen spät dran. Doch Søren Grammel, Leiter des Basler Museums für Gegenwartskunst und Kurator der Schau, kann die Legitimation dieser Ausstellung aus der Sammlung ziehen. Als 1980 das Museum ausdrücklich als Institution für zeitgenössische Kunst gegründet wurde, waren Authentizität und Autorschaft wichtige Fragestellungen. Entsprechend viele Werke der Sammlung lassen sich unter diesem Aspekt betrachten, Künstler der „Pictures Generation“ wie Richard Prince, Cindy Sherman oder Marcel Broodthaers sind gut vertreten. „Von Bildern. Strategien der Aneignung“ ist eine Themenschau, vor allem jedoch aber eine Auseinandersetzung mit der eigenen Sammlung und ein Ansatz, sie nach ihren Gesetzen zu erweitern. Einige Arbeiten, darunter das Video von Andrea Fraser, wurden im Rahmen dieser Ausstellung angekauft und sind jetzt erstmals im Museum für Gegenwartskunst zu sehen. Das erklärt auch die Begrenzung und warum die neuen Medien und ein Künstler wie Simon Denny in der Ausstellung nicht zu finden sind.

„Von Bildern“ verfolgt dabei durchaus einen narrativen Ansatz. So erzählt die Schau auch, dass Jean-Baptiste Carpeaux‘ (1827-1875), von dem Michaela Meise (*1976) in ihrem Video „Etude Carpeaux“ zwei Skulpturen nachstellt, selbst in das Lizenzgeschäft einstieg und in einer angeschlossenen Werkstatt Reproduktionen seiner Werke anfertigen ließ und verkaufte. In Vitrinen werden solche Referenzen dokumentiert. Sherrie Levines Fotoserie „After Walker Evans“, die in den 1980er Jahren entstand, fragt auf denkbar radikale Weise nach der Autorschaft. Levine (*1947) hatte aus einem Katalog Walker Evans‘ Aufnahmen verarmter Pächter fotografiert und wieder als Bilder inszeniert. Louise Lawler (*1947) fotografierte 1981 einen Aschenbecher mit einem Streichholzheftchen. Dieses Schwarz-Weiß-Stillleben könnte eine Produktaufnahme sein, wäre da nicht der Aufdruck „Why pictures now“. „Von Bildern. Strategien der Aneignung“ führt nicht nur die verschiedenen Methoden der Appropriation-Art vor, sondern auch die immer noch wirkmächtige Virulenz des Bildes.     

 

Von Bildern. Strategien der Aneignung.
Museum für Gegenwartskunst
St. Alban-Rheinweg 64, Basel.
Öffnungszeiten: Dienstag bis Sonntag 10.00 bis 18.00 Uhr.
Bis 24. Januar 2016.

 




Kunstmuseum Basel