09/10/15

Megalomane Archivarin

Die Konzeptkünstlerin Hanne Darboven wird derzeit in einer Doppel-Retrospektive gefeiert. Ein Besuch im Münchner Part der Schau

von Roberta De Righi
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Hanne Darboven, Kulturgeschichte 1880-1983, 1980-1983, Installationsansicht Haus der Kunst, Foto: Maximilian Geuter

Das unbegreifliche In-der-Welt-Sein versuchte Hanne Darboven in endlose Zahlenkolonnen zu fassen. Ihr Werk, das die  Konzeptkünstlerin (1941-2009) mit enzyklopädischem Anspruch verfolgte, füllt derzeit den Ostflügel des Münchner Hauses der Kunst. Die Ausstellung unter dem Titel „Aufklärung“ ist Part einer großen Darboven-Retrospektive, deren andere Hälfte zeitgleich in der Bonner Bundeskunsthalle zu sehen ist. Während in München die interdisziplinäre Verknüpfung mit Literatur, Musik und den Naturwissenschaften im Mittelpunkt steht, liegt in Bonn der Schwerpunkt auf ihren Beobachtungen zur bundesrepublikanischen Geschichte. 

Die zierliche Künstlerin mit dem markanten Kurzhaarschnitt, markerschütternder Stimme, die man stets mit Zigarette antraf, stammt aus hanseatischer Kaufmannsfamilie; Vater Cäsar war mit seiner Firma J. W. Darboven auch im Kaffeegeschäft tätig, ist aber nicht zu verwechseln mit der vom Großonkel gegründeten Rösterei J. J. Darboven. Tochter Hanne studierte Kunst und ging anschließend für zwei Jahre nach New York, wo sie Carl Andre und Sol LeWitt kennenlernte. Nach ihrer Rückkehr nach Hamburg 1969 arbeitete sie mit protestantischem Eifer zu streng geregelten Arbeitszeiten: Jeden Tag von vier Uhr morgens bis zwölf Uhr mittags wurden ontologische Kalkulationen vollzogen, das tägliche Dasein subsumiert wie im Kontorbuch.

Doch schon das Prinzip der für Darbovens Zeiterfassungssystem so wesentlichen „K-Werte“, die aus der Quersummenberechnung von Jahreszahlen resultieren, ist für den Betrachter unlogisch, Darboven rechnet beispielsweise das Datum 31.12.1999, zur Zahl 61 zusammen. Während sie dabei Tag und Monat als Ganzes addiert, teilt sie jedoch das Jahr in 9 und 9 auf, das Jahrhundert lässt sie gleich ganz weg. Die Selbstbezogenheit dieser Berechnungen ist bemerkenswert. Von ihrem „Wahn“ spricht auch Darboven selbst, doch mit ihrem Versuch einer existenziellen Arithmetik hat sie immerhin Kuratoren wie Kasper König und Galeristen wie Konrad Fischer und Leo Castelli beeindruckt. Darum ist sie heute mit ihrer aus Konzeptkunst und Minimal Art gespeister Lebensvermessung aus vielen großen Sammlungen nicht mehr wegzudenken. In München wird man im ersten Raum empfangen von Darbovens „Jahrhundert-ABC“: Ringsum an allen Wänden prangen Blätter voller geschwungener Linien – für jedes Jahr eine. Schon hier vermutet man einen gewissen Hang zu Ordnungs- und Größenwahn. Für Kalligraphie sind diese regelmäßigen U-Schwünge jedenfalls zu eintönig. Und es kommt noch heftiger. Die gewaltige Osthalle wird vollständig von der Installation „Kulturgeschichte 1880-1983“ erfüllt. 1590 gleich große Rahmen mit Postkarten, Magazintiteln, Schauspieler-Porträts und Strickmustern etc. plus 19 überwiegende Ready-Made-Objekte übertönen die Monumentalität mit totaler Kleinteiligkeit.

Aber lässt ihre archivarische Megalomanie sie eine „hellwache Beobachterin des Zeitgeschehens“ werden, als die sie oft bezeichnet wird? Es gibt bei Hanne Darboven keine nachvollziehbaren Wertungen, keine Akzente, keine Schlussfolgerungen, alles ist in einen gleichförmigen Prozess eingebettet. Das mag im Sinne des Buddhismus höchste Erleuchtung bedeuten, aber es überfordert,  ja lähmt den Betrachter. Die Münchner Präsentation (Kuratoren: Okwui Enwezor und Anna Schneider) trägt wenig dazu bei, diese Lähmung zu überwinden, im Gegenteil, die hypertrophe Wirkung des Werkes wird noch gesteigert. Darbovens Weltsicht erscheint dabei abgehoben und elitär. Als Bezugsgrößen in vielen Arbeiten werden alle großen Dichter, Denker und „Erfinder, die unsere Welt verändert haben“ herbeizitiert, und sie hat noch Höheres im Sinn: Die Quintessenz ihrer Kunst sei die Musik, postuliert sie. Leider trägt auch die Transkription ihrer Notationen unter Assistenz eines Musikers in monotone Klänge nicht zum sinnlichen Erleben bei.

                  

Hanne Darboven: Aufklärung / Enlightenment.
Haus der Kunst
Prinzregentestr. 1, München.
Öffnungszeiten: Montag bis Sonntag 10.00 bis 20.00 Uhr, Donnerstag 10.00 bis 22.00 Uhr.
Bis 16. Februar 2016.

 




Haus der Kunst