07/10/15

Mehransichtigkeit und Gegensätze

On the other side: Die Soloschau des Bildhauers Richard Deacon im Kunstmuseum Winterthur

von Florian Weiland

richardeacon.jpgRichard Deacon, North – Fruit,  2007, Privatbesitz, Courtesy the artist, Foto: Hans Ole Madsen

Seit zwei Jahren steht vor dem Kunstmuseum Winterthur eine Skulptur von Richard Deacon (*1949). Ein Blickfang, der neugierig auf mehr macht. Das wird nun geboten. Statt einer Retrospektive konzentriert man sich allerdings auf Deacons Werke aus den letzten zehn Jahren, von denen 45 Arbeiten zu sehen sind. Der Bildhauer folgt keinem vorgefassten Formgedanken. Deacon spielt mit den Materialien. Das Ergebnis überrascht immer wieder. Holz erscheint mit einmal so flexibel wie Metall, Keramik so geschmeidig wie Textil.

Wie angeschwemmtes Strandgut liegt „Orinoco“ im zweiten Ausstellungssaal auf dem Boden. Die fließende Bewegung der mehrere Meter langen Skulptur bestimmt den Gesamteindruck. Sie besteht aus Holz, einem an sich starren Material. Erst wenn man näher tritt und die Verbindungsstellen, an denen die geschwungenen Holzbalken wie Loops zusammenlaufen, genau anschaut, erkennt man, dass der Skulptur ein exakt berechnetes, streng geometrisches System zugrunde liegt.  Er sei kein klassischer Bildhauer, sagt Richard Deacon über sich, sondern jemand, „der etwas fabriziert“. Dazu benötigt der Künstler Hilfe, wie er freimütig einräumt. Handarbeit ist seine Sache nicht. Beim Holzbauer werden Bretter und Balken verformt und zu komplexen Gebilden zusammengesetzt, in Stahl­baufirmen die Bleche geschnitten, miteinander verschweißt und poliert, und in der Keramikwerkstatt nach kleinen Modellen die großen Tonformen gebaut, glasiert und gebrannt. Mitunter kommt auch modernste Technik zum Einsatz. Eine Skulptur, die aus drei ineinander verschränkten Polyedern besteht, nahm ihren Anfang in einem Modell, das aus einem 3D-Drucker stammt.

Er habe immer Skulpturen machen wollen, die nicht nur eine Perspektive haben, erklärt der Künstler. Wenn Mehransichtigkeit das Schlüsselwort ist, sind Gegensätze das Kennzeichen von Deacons Werk. Konkave und konvexe Formen wechseln sich ab. Strenge und organisch Wucherndes, glänzende und aufwendig bemalte Oberflächen. Aus zusammengesetzten Vielecken entsteht eine neue Struktur. Andere Skulpturen dagegen sind ganz Linie. Deacons Holzarbeiten wirken wie körperlose, dreidimensionale Zeichnungen. Glücklicherweise bekommen die großen Skulpturen den nötigen Raum, um sich zu entfalten. Der Werkserie „Inside“ ist dagegen ein eigener Saal gewidmet. Dicht an dicht reihen sich weiße, kleinformatige Gipskeramiken aneinander. Deacon formte die Modelle aus Karton, den er mit Gips ausfüllte. Wir sehen das ursprünglich verborgende Innere des Ausgangsmaterials. Diese kleinen Skulpturen nehmen bereits viel von dem Formenkanon vorweg, der in den weiteren Ausstellungssälen zu entdecken ist.

Richard Deacon, On the other side
Kunstmuseum Winterthur
Museumstr. 52, Winterthur.
Öffnungszeiten: Dienstag 10.00 bis 20.00 Uhr, Mittwoch bis Sonntag 10.00 bis 17.00 Uhr.
Bis 15. November 2015.

 




Kunstmuseum Winterthur