06/10/15

Symbiotische Ergänzungen

In der Ausstellung Complex Bodies in Rapperswil ist der Körper Referenz und Topos zugleich

von Tiziana Bonetti

complexbodiesinstallation.jpgComplex Bodies, Ausstellungsansicht Alte Fabrik Rapperswil, mit Arbeiten von Alicia Frankovich und Klara Lidén, Foto: Flavio Karrer

Was geschieht, wenn der Körper mit ungewohnten Kontexten und Stimuli konfrontiert wird? Wie reagiert er auf kompetitive Herausforderungen? Diese Frage legen der Ausstellung „Complex Bodies“ programmatisch zugrunde, die von Chris­tina Lehnert kuratiert wurde. Zugleich eröffnet die neue Stipendiatin der Gebert Stiftung Kultur damit ihre Ausstellungsreihe „120%-Optimierung vs. Entropie“. In der Alten Fabrik, die so gar nicht den Vorstellungen eines White Cube entspricht, vereint Lehnert zwei künstlerische Positionen, die sich symbiotisch ergänzen: zum einen die Installationen und die Performance „New Organizations“ der Neuseeländerin Alicia Frankovich (*1980) am Eröffnungsabend und zum anderen die Videoarbeit „Warm up: Hermitage State Theater“ (2014) der schwedischen Künstlerin Klara Lidén (*1979). Das Video der in Berlin lebenden Lidén zeigt diese höchst konzentriert bei einer Probe des St. Petersburger Staatsballetts, wo sie inmitten von marionettenhaften Tänzerinnen deren Bewegungsabläufe nachzuvollziehen versucht.

Die ausgestellten Arbeiten Frankovichs und Lidéns bekunden eine explizite Auseinandersetzung mit dem Körper, der thematisch stets Referenz bleibt und sich zugleich als Topos offenbart, der psychisches Befinden zum Ausdruck bringt. Während jedoch in Lidéns Videoinstallation das Ausgestelltsein und Scheitern der Künstlerin im Vordergrund steht, das sich in den dilettantischen Tanzbewegungen Lidéns bemerkbar macht, lassen sich Frankovichs Installationen als Manifestationen physischer und bewusster psychischer als auch unbewusst und emotionaler Zustände und deren Auflösung lesen. Derlei verweist die Arbeit „Be Present or Imminent“ (2007), eine herabhängende Installation von Tomaten, die in einer traditionellen apulischen Knüpftechnik gebündelt sind, auf die Vergänglichkeit und den Zerfallsprozess alles Organischen.

Erstaunlich an Frankovichs Exponaten ist der Fakt, dass die Künstlerin menschlichen Zuständen niemals auch nur ansatzweise die Form eines menschlichen Körpers verliehen hat, obwohl ihre Installationen diese zu transferieren scheinen. Stets bleiben ihre ausgestellten Arbeiten in „Complex Bodies“ dem Abstrakten, Enigmatischen verhaftet und entziehen sich dergestalt einer eindeutigen Lesart. Lässt sich der Betrachter auf dieses Vexierspiel von Frankovichs Arbeiten ein, avanciert er zum aktiven Mitautor der Installationen.    

 

Complex Bodies
Alte Fabrik
Klaus-Gebert-Str. 5, Rapperswil.
Öffnungszeiten: Mittwoch 12.00 bis 18.00 Uhr, Samstag und Sonntag 11.00 bis 17.00 Uhr.
Bis 8. November 2015.
Am 8. Oktober 2015 findet um 19.00 Uhr ein Gespräch zwischen dern Künstlerin Jessica Pooch und der Leiterin des Kunsthaus Glarus Judith Welter über das Anfangen statt.

 




Alte Fabrik