30/05/12

Das Echte im Falschen

Über die Kunst der Wiederholung von Dürer bis YouTube: Déjà-vu? In der Staatlichen Kunsthalle Karlsruhe.

von Johannes Halder
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Über die Kunst der Wiederholung von Dürer bis YouTube: Déjà-vu? In der Staatlichen Kunsthalle Karlsruhe.4666maos_pope.jpg

Da hängt sie doch wahrhaftig: Raffaels Sixtinische Madonna mit den beiden pausbäckigen Engelchen. Die Dresdner Gemäldegalerie hat ihre Attraktion, das berühmte Altarbild, der Staatlichen Kunsthalle in Karlsruhe geliehen. Es hat nur einen kleinen Schönheitsfehler. Gemalt, oder besser abgemalt, hat es ein gewisser Anton Hille im Jahr 1913, und normalerweise befindet sich die Kopie in Dresden im Depot. Doch man kann ziemlich sicher sein: Würde man die beiden Bilder tauschen, keiner würde es merken, und die Kunsttouristen stünden vor der Kopie genauso andächtig wie vor dem Original. Das ist ja das Problem. Ist die Kopie nur gut genug, ergibt der Kult um das Echte und Einzigartige nur wenig Sinn.

„Die Ausstellung“, sagt Kuratorin Ariane Mensger, „setzt im Spätmittelalter an, als das Kopieren noch nicht als problematisch angesehen war. Spannend wird es um 1500 mit Albrecht Dürer. Damals entwickelten die Künstler ein Bewusstsein für ihre Originalität und es entstanden frühe Formen des Copyrights.“

Dürer hatte seinerseits zwar auch kopiert, doch als italienische Raubkopierer seine Kupferstiche mitsamt seinem Signet in großer Anzahl imitierten, führte er einen der ersten Copyright-Prozesse. Wirklich geholfen hat das nicht, wie die lange Reihe abgekupferter Dürer-Stiche in der Schau beweist. Gerade der Kupferstich erwies sich als ideales Reproduktionsmedium für Wiederholungstäter.

Und überhaupt wurden jahrhundertelang Kunststudenten in der akademischen Praxis mit Kopierarbeit geknechtet. Pieter Brueghel d. J. kopierte den Vater und vervielfältigte seine beliebtesten Motive für den Kunstmarkt wie am Fließband, Goya bediente sich bei Velazquez, van Gogh bei Delacroix ‒ kopiert haben sie alle: Courbet, Manet, Degas.
„Jeder der modernen Künstler, die wir heute für ihre Innovationskraft und ihre Individualität bewundern, hat als junger Künstler auch kopiert. Matisse zum Beispiel hat ein barockes Stillleben wunderbar abgemalt, und das zeigen wir auch in der Ausstellung“, sagt Ariane Mensger.
Doch es geht in der Schau nicht um die plumpe Kopie, sondern darum, wie und wofür man das Original verwendet. Also hat man in Karlsruhe die Kopien nach zwei Dutzend Funktionen sortiert: Selbstkopie, Re-Inszenierung, Parodie, Neucodierung usw. und zeigt auch radikale Positionen wie den berühmten Flaschentrockner von Marcel Duchamp, das erste „Ready Made", von dem gleich vier Versionen zu sehen sind. Aber was ist schon echt: Als der Direktor der Hamburger Kunsthalle Werner Hofmann 1962 eines der legendären Metallgestelle kaufen wollte, beschied ihn der Künstler schriftlich, er habe gerade leider keines mehr zur Hand, man solle sich doch in Paris eines im Ladengeschäft besorgen, was man denn auch tat. Original ist nun keiner der Flaschentrockner, und von Kopie zu sprechen, wäre auch absurd.

Die Schau zeigt auch den Fall des Malers Giorgio de Chirico, der seine eigenen Werke auf Wunsch seiner Kundschaft so oft repetierte und teilweise rückdatierte, dass er am Ende nicht mehr wusste, was er selbst gemalt hatte und was nicht, zumal sich Fälscher das Prinzip zunutze machten. Dass es sich Kopisten einfach machen, ist allerdings ein Vorurteil, sagt Co-Kurator Wolfgang Ullrich von der Karlsruher Hochschule für Gestaltung und nennt den österreichischen Künstler Klaus Mosettig als Beispiel, der in feinsten Bleistiftschraffuren im Format eins zu eins die großen Gemälde von Jackson Pollock nachzeichnet. „Wo Jackson Pollock zwei Stunden gebraucht hat, braucht Klaus Mossetig neun Monate. Ein solches Bild schaut man genauer an, und man sieht dasselbe, und es ist doch was völlig anderes“, sagt Ullrich.
Weniger Aufwand betrieb der Medienkünstler Florian Freier. Er hat sich ein Landschaftsmotiv des Fotografen Andreas Gursky am Computer neu zusammengegoogelt und dann auf YouTube ins Netz gestellt. Noch einfacher machen es sich jene Künstler, die sich fremde Werke programmatisch aneignen als wären es ihre eigenen. Und es entbehrt nicht einer gewissen Ironie, dass die prominenteste Vertreterin dieser „Appropriation Art", die Amerikanerin Elaine Sturtevant, die Warhol, Picasso oder Mondrian kopiert, ihrerseits energisch auf ihre Urheberrechte an den zum Original verklärten Imitaten pocht.

Anhänger der Piratenpartei mögen die Entmachtung des Originals als eine Befreiung, ja Erlösung vom Kult um das Original empfinden. Die Schau ist jedenfalls eine vergnügliche Schule des Sehens, sie feiert das Echte im Falschen und reflektiert in reizvollen Gegenüberstellungen, wie sich Original und Kopie immer wieder gegenseitig befruchtet haben. Und mit Blick auf die aktuelle Praxis ist Wolfgang Ullrich überzeugt davon, dass sich letztlich die ganze Geschichte der Kunst nicht denken ließe ohne diese vielen Formen und Funktionen des Reproduzierens. Was zählt, ist letztlich das Konzept. Der für seine geistreichen Einfälle berühmte Künstler Timm Ulrichs geht dem Prioritätenstreit auf witzige Weise aus dem Weg. „Da ihr ständig meine Ideen stehlt“, sagt er, „behalte ich in Zukunft meine besten Ideen für mich selbst.“

Déjà-vu? Die Kunst der Wiederholung von Dürer bis YouTube.
Staatliche Kunsthalle Karlsruhe

Hans Thoma-Str 2-6, Karlsruhe.

Öffnungszeiten: Dienstag bis Freitag 10.00 bis 17.00 Uhr, Samstag und Sonntag 10.00 bis 18.00 Uhr.
Bis 5. August 2012.

Ein Katalog zur Ausstellung ist im Kerber Verlag, Bielefeld 2012, erschienen, 320 S., ca. 39,95 Euro | 73 Franken.
Staatliche Kunsthalle Karlsruhe