02/10/15

Nach dem Jugendbonus

Ein ironischer Blick zurück: Merlin Carpenters Midcareer Paintings in der Kunsthalle Bern

von Dietrich Roeschmann

merlincarpenter.jpgMerlin Carpenter, MIDCAREER PAINTINGS, Ausstellungsansicht Kunsthalle Bern, 2015, Foto: Gunnar Meier

Im Profi-Fußball fängt es mit 30 an. In Hollywood mit 40 – vor allem für Schauspielerinnen, die dann oft ernüchtert feststellen müssen, dass ihnen kaum noch interessante Rollen angeboten werden. Ähnliches gilt auch für die Kunst: Wer mit 50 weder eine Professur hat noch von mindestens einer renommierten Galerie vertreten wird, dem steht für den weiteren Verlauf des Berufslebens ein steiniger Weg bevor. So gesehen hätte Merlin Carpenter eigentlich keinen Grund zur Klage. Weltweit kümmern sich derzeit sieben Galerien um die Arbeiten des Briten, der in den Achtzigern als Assistent von Martin Kippenberger von sich reden machte und dann, ganz der Meister, eine Karriere als verhaltensauffälliges Enfant terrible des Kunstbetriebs hinlegte, dessen konsequente Demaskierung und ironische Bloßstellung der Bedingungen des Kunstmachens zum Kern seiner künstlerischen Tätigkeit wurde. Damals war Carpenter im besten Shooting-Star-Alter – „Younger Than Jesus”, wie es eine New Yorker Trendschau im New Museum 2009 definierte. Heute ist er 48, und widmet sich in der Kunsthalle Bern in seiner ersten institutionellen Einzelausstellung seit 15 Jahren dem prekären Status und den Zwängen des Künstlerdaseins nach dem Ende des Jugendbonus. 

Dass Carpenter der böse Humor im Alter abhanden gekommen sei, kann man kaum behaupten. Die „Midcareer Paintings”, die er hier vorgibt zu zeigen, erweisen sich als fabrikneue Transportdecken für Gemälde, aufgespannt auf 22 Keilrahmen in identischem Großformat. Ihr filziges Grau, durchsetzt mit bunten Faserresten, lässt sie ein bisschen wie Jackson-Pollock-Rip-Offs aussehen, die den Strickbildern einer Rosemarie Trockel in Sachen Kuschelhaptik den Rang ablaufen wollen. Statt Titeln tragen sie den Vermerk „Courtesy of” und dazu die Namen der Galerien, die Carpenters Werke vertreten. Doch auch das ist ein Fake, denn tatsächlich sind die Readymades „Not for sale”, wie die Labels an der Wand verraten. Ihr Entstehungsjahr, 2016, liegt in der Zukunft. Gut möglich, dass sie bald wieder ihrem ursprünglichen Zweck dienen werden. Für Carpenters Kunst wäre das nur konsequent. Vordergründig als Gesten der Verweigerung präsentiert, lenken seine „Midcareer Paintings” den Blick auf die Erwartungen und Usancen eines Kunstbetriebs, in dem Public-Private-Partnerships zwischen öffentlichen Institutionen und den Akteuren des Kunstmarktes längst die Regel geworden sind, um die ökonomischen und symbolischen Werte der Kunst zu generieren. Dass auch Kritik hier eine Ware ist, weiß niemand besser als er.

Merlin Carpenter, Midcareer Paintings
Kunsthalle Bern
Helvetiaplatz 1, Bern.
Öffnungszeiten: Dienstag bis Freitag 11.00 bis 18.00 Uhr, Samstag und Sonntag 10.00 bis 18.00 Uhr
Bis 1. November 2015. 




Kunsthalle Bern