05/10/15

Loretta Fahrenholz

Zwischen Realität und Fiktion entfalten die Filme der deutschen Künstlerin eine Dynamik, die auf produktive Verunsicherung zielt

von Dietrich Roeschmann
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Loretta Fahrenholz, Ditch Plains, 2013, Filmstills (l./u.r.); Implosion, 2011 (o.), Filmstill, Courtesy the artist & Reena Spaulings Fine Art, New York

 

„Dana ...!” Ein Mädchen beugt sich über ihre Freundin, die reglos mit ge­schlossenen Augen am Boden liegt. Die Stimme klingt besorgt, leicht panisch – „Dana ...!!” Dana rührt sich nicht. Bis die Scheintote plötzlich die Augen aufschlägt, mit beiden Händen nach dem Hals ihrer Freundin greift und sie erwürgt – Schnitt, Abspann, Aus. Keine zwei Minuten dauert dieser Trailer zu Loretta Fahrenholz’ jüngstem Film „My Throat, My Air ...”, der zum Auftakt ihrer Soloschau in der Kunsthalle Zürich läuft. Das laienhafte Schauspiel der Kinder, der intime, seltsam unbeteiligte Blick der Kamera und die Abgründigkeit des Plots erzeugen eine ambivalente Stimmung, die typisch ist für die Filme der 1981 in Starnberg geborenen Künstlerin. Die Verunsicherung hat ihren Ursprung in der Überlagerung unterschiedlicher Realitätsebenen, die nur schwer entscheiden lässt, was genau hier eigentlich improvisiert ist und was einem Skript folgt – wodurch auch das kindliche Spiel in seiner Unbedarftheit in Verdacht gerät, selbst nur Konstrukt eines Kalküls, das Klischee einer Handlung zu sein. 

Loretta Fahrenholz, die bei Harun Farocki in Hamburg studierte und 2007 an der Hochschule für Grafik und Buchkunst in Leipzig ihren Anschluss machte, arbeitet in ihren Filmen und fotografischen Serien gezielt an der Verflüssigung der Grenzen zwischen Realität und Fiktion. „In einer Siuation, in der nahezu alle rund um die Uhr mit Kameras ausgestattet sind, deren Linsen sich hauptsächlich auf uns selbst richten, scheint sich der Antagonismus von Objekt und Subjekt in der Fotografie verflüchtigt zu haben”, schreibt sie in der aktuellen Ausgabe des Magazins „Texte zur Kunst”. Was sie deshalb interessiert, ist die Frage, was wir eigentlich festhalten wollen, wenn wir zur Kamera oder zum Smartphone greifen.

2010 ging Fahrenholz für ein Stipendium des Whitney Independent Study Program nach New York, wo sie mehrere Jahre lebte, bevor sie kürzlich nach Berlin zog. Eine ihrer ersten New Yorker Filmarbeiten, die nun auch in Zürich zu sehen ist, war „Implosion”, eine Art Re-enactment von Kathy Ackers (1947-1997) gleichnamigem Theaterstück von 1983, in dem die Punk-Autorin Schlüsselszenen der Französischen Revolution von ihren Freunden aus der New Yorker Subkultur neu interpretieren ließ. Fahrenholz übertrug das halb historische, halb fiktive Drama über widerstreitende Konzepte von Freiheit, Revolte und radikaler Politik ins Heute. In ihrer Version performen nun vier Hipster aus der Kreativ-Branche in einem gesichtslosen Appartment in Downtown Manhattan die 20 Rollen der Originalvorlage. Während jeder ihrer Körper so zum Chor unterschiedlicher Stimmen wird, kreist das Sprechen und Handeln des Quartetts um Distinktion, Sex, Macht und die Möglichkeit einer Revolution. Selten lässt sich sicher sagen, ob es das Laienschauspiel der Hipster ist, das diesen Film so authentisch wirken lässt, oder Fahrenholz’ gnadenloser Blick auf den verbreiteten Wunsch, Teil einer exklusiven Szene zu sein, die ihre Motivation zur Veränderung nicht aus der Realität der Verhältnisse bezieht, sondern aus der kollektiven Fiktion einer permanenten Optimierung und Stilisierung des Selbst.

Einer ähnlichen Dynamik, in der Handelnde gleichermaßen als Subjekte und Objekte der Manipulation der äußeren Umstände erscheinen, folgt auch ihr Film „Ditch Plains” (2013), den sie mit der Streetdance-Gruppe Ringmasters Crew wenige Stunden nach dem Hurricane „Sandy” in den Straßen von Brooklyn drehte. Wie Mutanten unserer Angst vor dem Ende irren die Tänzer hier durch eine dystopische Stadtlandschaft, improvisieren alptraumartige Szenen in verlassenen Hotels oder verwüsteten Vorgärten, während die Kamera nebenbei auf patrouillierende Polizisten zoomt oder auf Schlangen von Menschen mit Benzinkanistern, die vor Tankstellen warten. Diese Anwesenheit der Realität in der Fiktion und umgekehrt erzeugt ein produktives Unbehagen am eigenen Blick auf die Welt.   
            

Loretta Fahrenholz: 3 Frauen.
Kunsthalle Zürich
Limmatstr. 270, Zürich.
Öffnungszeiten: Dienstag bis Freitag 11.00 bis 18.00 Uhr, Donnerstag 18.00 bis 20.00 Uhr, Samstag und Sonntag 11.00 bis 17.00 Uhr.
Bis 8. November 2015.




Kunsthalle Zürich
Loretta Fahrenholz: Ditch Plains (Teaser)
Loretta Fahrenholz, Reena Spaulings, NY