28/09/15

Dialektik des Sichtbarmachens und Verschwindens

Eine Überblicksschau der anderen Art: In-Dis-Appearance im Freiburger E-Werk

von Annette Hoffmann
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Jananne Al-Ani, Shadow Sites I, 2010, Ausstellungsansicht "In-Dis-Appearance", Galerie für Gegenwartskunst, E-Werk, Foto: Marc Doradzillo, courtesy the artist

Kann eine Perspektive moralisch besser sein als eine andere? Eine absurde Frage? Vielleicht. Doch die Begeisterung für die Vogelperspektive von Künstlern wie László Moholy-Nagy Ende der 1920er Jahre kam nicht von ungefähr. Sie wurde durch das Militär geschürt, das die Luftfahrt im Ersten Weltkrieg für das Aufspüren von Truppenbewegungen genutzt hatte. Folgt man der Argumentation von Jananne Al-Ani (*1966) so erleichtert der Blick aus einem Flugzeug die Erfassung des darunter liegenden Landes, sei es für zivile, etwa archäologische Zwecke oder für militärische, während des Kolonialismus oder heute.

Die aktuelle Ausstellung im E-Werk „In-Dis-Appearance“ greift diese Dialektik des Sichtbarmachens im Verschwinden bereits im Titel auf und schlägt einen Bogen von historischen Zeugnissen, in Form von Archivfilmen und Tondokumenten, zu den Videoarbeiten der Londoner Künstlerin Al-Ani und den Bildern und Skulpturen Florian Schmidts (*1980). Schmidts Serie „Untitled (Digue)“ ist von Sigfried Kracauer beeinflusst, einem Theoretiker, der sich mit der Sichtbarmachung gesellschaftlicher Strukturen befasste. Wenn Schmidt die Fläche der Leinwand oben und unten mit schwarzen Leisten begrenzt, die von alten Rahmen stammen, sind es jedoch formale Fragestellungen, die ihn beschäftigen: das Recyceln von Material und ein additiver Bildaufbau. Das Violett bekommt durch die darunter liegenden Kartons, Sägespäne und den versiegelnden Lack eine lebhafte Oberfläche. Schmidt kippt die Perspektive eines Flaneurs, denn als solcher hat er sich der Hafenanlage genähert, zwar in eine Aufsicht und auch bei seiner Serie „Untitled (Link)“ glaubt man, auf die Struktur einer Stadt oder einer kleinteiligen Felderwirtschaft aus der Vogelperspektive zu schauen, doch vor allem interessiert Florian Schmidt der stete Übergang zwischen Bild und Skulptur. Dafür spannt er Leinwände, indem er sie tackert oder fügt verschieden große Stücke Architektenkarton zusammen, um auch diesen zu tackern. Seine Reliefs, die auf selbst gebauten Sockeln stehen, bekommen durch kragende Teile etwas von einem Angesicht.

Eigentlicher Ausgangspunkt für die Videos von Jananne Al-Ani, die auf 16-mm Filmmaterial von einem Flug über Südjordanien beruhen, ist das gewaltsame Verschwinden von Menschen und ganzen Völkern aus einer Landschaft. Tatsächlich wirken die Zeichen, die frühere oder die jetzigen Bewohner in dieser Wüste und auf diesen Bergrücken hinterlassen haben, von oben abstrakt. Militäranlagen sehen wie große Ws aus, die Bahnlinie Damaskus Medina durchschneidet die Fläche und dann ist da noch die Landwirtschaft mit ihrer Viehhaltung und den kreisförmig angelegten Zitrusplantagen. Im Video „Shadow Sites II“, das eine Aktualisierung des ersten Teils ist, wird aus der Perspektive des Flugzeuges die eines Computerspiels oder eines Drohnenpiloten. Jetzt wird jedes Zeichen in der Landschaft derart nah herangezoomt, dass  Details sichtbar werden, auf seine potentielle Gefährdung überprüft und gegebenenfalls ausgeschaltet werden können. Auch bei der Perspektive lautet die Frage am Ende, was man daraus macht.    

In-Dis-Appearance
E-Werk
Eschholzstr. 77, Freiburg.
Öffnungszeiten: Donnerstag bis Freitag 17.00 bis 20.00 Uhr, Samstag 14.00 bis 20.00 Uhr, Sonntag 14.00 bis 18.00 Uhr.
Bis 24. Oktober 2015.

 




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