25/09/15

53 Kinds of Blue

Das "Cyanometer" des Genfer Naturforschers de Saussure war schön, aber wissenschaftlich nutzlos. Petra Koehle & Nicolas Vermot-Petit-Outhenin dient es nun als Blaupause für eine multimediale Farbimprovisation

von Dietrich Roeschmann

150917annex2.jpgPetra Koehle & Nicolas Vermot-Petit-Outhenin, Ausstellungsansicht annex 14, 2015, Courtesy the artists

Warum strahlt der Himmel immer so schön blau, wenn ich auf dem Berg stehe, fragte sich Horace-Bénédict de Saussure Mitte des 18. Jahrhunderts – und warum wird er immer blasser, je tiefer ich ins Tal steige? Der Genfer Naturforscher hatte da eine Vermutung: „Die Farbe des Himmels“, schrieb er 1788, „kann als der Maßstab der Menge undurchsichtiger Dünste oder Ausdünstungen angesehen werden, welche in der Luft schweben.“ Weil die Konzentration dieser „Ausdünstungen“ in der Höhe geringer sei als in der Ebene, zeige sich der Himmel je nach Standort des Betrachters in einem unterschiedlichen Blauton. Auf insgesamt 53 Himmelsfarbvarianten kam de Saussure, die er in einem systematisch geordneten Farbkreis, dem sogenannten „Cyanometer“ zusammenfasste, dessen Name einen wissenschaftlichen Nutzen suggerierte, den es nicht gab. Was hätte man damit auch anderes belegen können außer die Sehnsucht der Menschen, dem Geheimnis des Himmels näher zu kommen?

Für Petra Koehle und Nicolas Vermot-Petit-Outhenin (beide *1977) war das ein guter Grund, de Saussures Cyanometer nun noch einmal aus den Archiven des unnützen Wissens auszugraben. Im Zentrum ihrer Ausstellung "Blue skies becoming almost black" bei annex 14 in Zürich stehen 53 mittelformatige C-Prints, abfotografiert von ebenso vielen monochromen Aquarellen, deren Farbpigmente sie akribisch nach Vorlage des Cyanometers abgemsicht haben.

150917annex1.jpgPetra Koehle & Nicolas Vermot-Petit-Outhenin, Ausstellungsansicht annex 14, 2015, Courtesy the artists

Im Galerieraum lehnen diese Tafeln zu lockeren Gruppen sortiert hintereinander auf einer in Kniehöhe montierten Konsole. Einige sind vollständig zu sehen, andere halb verdeckt, von manchen nur ein schmaler Streifen, was die gestaffelten Ensembles aus der Ferne ein wenig wie Hard Edge-Malerei wirken lässt. Doch Koehle und Vermot haben anderes im Sinn. Zur Vernissage engagierten die beiden den Jazz-Bassisten Thomas von Glenck, der auf die Blaufolgen improvisierte. Seine Performance wurde akustisch aufgezeichnet und in Noten transkribiert, die dem Jazzer am Wochenende vor der Finissage (2. Oktober) als Vorlage für eine nahezu identische Kopie seiner Eröffnungsimprovisation dienen sollen. Als Edition wird dazu eine LP im Weisscover erscheinen, aus deren Rillen am Ende nichts als Blau tönt. Schöner und verschlungener lässt sich der poetische Mehrwert eines wissenschaftlichen Repräsentationssystems, wie de Saussure es mit seinem Cyanometer entwickelt hatte, kaum inszenieren.


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Tobias von Glenck, Musikperformance in der Ausstellung "Blue skies becoming almost black", annex 14, Courtesy the artists


Petra Koehle & Nicolas Vermot-Petit-Outhenin: Blue skies becoming almost black
annex 14
Hardstr. 245, Zürich.
Öffnungszeiten: Mittwoch bis Freitag 12.00 bis 18.00 Uhr, Samstag 12.00 bis 16.00 Uhr.
Musikperformance mit Tobias von Glenck: 2. Oktober 2015, 19.00 Uhr. 
Bis 10. Oktober 2015.

 



annex 14
Petra Koehle & Nicolas Vermot-Petit-Outhenin