18/09/15

Konstruktion der Illegalität

Der Berliner Medienkünstler Georg Klein legt mit seinem partizipativen Projekt "Tracing Godwin" virtuelle Spuren eines Wirtschaftsflüchtlings durch Europa

von Dietrich Roeschmann

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Georg Klein, Tracing Godwin, 2011 ff., wild plakatiertes Motiv in Freiburg i.Br.

Seit kurzem hängen in Freiburg an diversen, meist versteckten Orten im öffentlichen Raum Plakate, die einen Nigerianer in Wollmütze und Parka mit einem Stapel Topflappen in den Händen zeigen. Die Plakate suggerieren Authentizität, der Bildhintergrund der Porträts ist immer identisch mit der Oberfläche, auf der sie kleben. Aber war der Nigerianer wirklich in der Stadt? Und wo wird er morgen auftauchen? "Tracing Godwin" ist ein Langezeitprojekt des Berliner Medienkünstlers und Komponisten Georg Klein.Wir sprachen mit ihm über die Entstehung und die Aktualität seiner Arbeit angesichts der durch die gegenwärtigen Flüchtlingsströme angefachten Debatte über Migration und die abstrakte Konstruktion legaler und illegaler Fluchttypen.   

Artline: Deine Arbeit „Tracing Godwin” war erstmals 2011 im Rahmen des Osnabrücker European Media Art Festivals zu sehen. In welchem Kontext und aus welchem Impuls heraus ist das Projekt damals entstanden?
Georg Klein: Ich war im März 2010 auf Einladung eines Galeristen in Neapel und bekam Kontakt zu einem der vielen „Vu cumpras”, der Schwarzafrikaner, die am Straßenrand Ledertaschen und ähnliches verkaufen. Sie sind einerseits illegal, müssen im Verborgenen leben, andererseits müssen sie auf die Straße, um irgendetwas zu verdienen, um zu überleben. Ich fragte Godwin – das war sein Name –, ob ich ihn zu seinem Weg von Afrika nach Europa befragen und ein Portraitfoto von ihm machen dürfe, mit seiner Ware in den Händen. In diesem Fall waren es Topflappen. Meine erste Idee war, eine andere Wahnehmung sogenannter „Illegaler” wie Godwin zu erzeugen, sie in einer neuen Perspektive im öffentlichen Raum sicht- und hörbar zu machen. Ich wollte ihn an Orten auftauchen lassen, wo er normalerweise nicht geduldet würde oder in Städten Europas, die unerreichbar für ihn waren, weil er faktisch in Italien festsaß. So entstanden die ersten „ortsspezifische Plakate” – Plakate mit dem Konterfei von Godwin vor einem Bildhintergrund, der genau dem des Ortes entsprach, an dem das Plakat hing. So, als wäre Godwin gerade dort gewesen.

Artline: Später, für eine Ausstellung im Berliner Haus der Kulturen der Welt, hast du die Arbeit partizipativ im Netz und im öffentlichen Raum erweitert. Warum? Und mit welchem Erfolg? 
Klein: Die erste Version von „Tracing Godwin” spielte sowohl im öffentlichen Raum als auch in einer Osnabrücker Galerie, wo seine Stimme zu hören war und sein Portrait zusammen mit zwei der originalen Topflappen ausgestellt waren. Diese Trennung gefiel mir nicht, so dass ich für die Berliner Version Plakate mit einem QR-Code herstellte, worüber man mit einem Smartphone seine Stimme hören kann. Die Passanten konnten nun direkt vor einem Plakat seine Geschichte in einer musikalisierten Form anhören – sozusagen als Intensivierung der Wahrnehmung.  Gleichzeitig wurde mir klar, wie wichtig der Akt des Plakatierens der Godwin-Porträts im öffentlichen Raum für dieses Projekt war – erst recht, wenn es ungefragt, und damit quasi illegal geschah. Deshalb wollte ich diesen „identifkatorischen” Einsatz für Godwin, für sein Auftauchen an einem bestimmten Ort, auch für andere möglich machen. So lade ich seither immer wieder Menschen ein, einen Ort auszuwählen, an dem Godwin ihrer Ansicht nach auftauchen sollte, und mir ein Foto der entsprechenden Wand zu schicken. Dieses bekommen sie dann mit einem vor den Hintergrund montierten Godwin zurück, um es auszudrucken und selbst aufzuhängen. Diese partizipative Erweiterung machte es mir auch möglich, „Tracing Godwin” auf ganz Europa auszuweiten. Mittlerweile werden mir aus allen Ländern Fotos zugeschickt – was dazu führt, dass sich die „virtuelle” Spur von Godwin heute quer durch Europa zieht. Auf der Website zum Projekt wird diese Spur dokumentiert (godwin.georgklein.de). Bisher haben ca. 40 Menschen mitgemacht. Wichtig ist mir dabei, dass man nicht mit einem einfachen Mausklick seine Solidarität bekundet, sondern sich tatsächlich durch den Akt des Herstellens und Aufhängens aktiv beteiligt – und so auch das Schicksal dieser Plakate mitbekommt, die oft genauso wenig geduldet werden wie Godwin selbst. 

Artline: An einigen Orten, wo das Godwin-Plakat in den vergangenen Jahren auftauchte, wurde es beschädigt, abgerissen oder mit fremdenfeindlichen Parolen überschrieben. Heute, nachdem in München allein in den ersten beiden Septemberwochen rund 60.00 Flüchtige ankamen, scheint in breiten Kreisen der Bevölkerung eine weitgehend wohlwollende Stimmung gegenüber Migranten zu herrschen. Würdest du diese Einschätzung teilen? Ist Godwin damit gar in gewisser Weise integriert?
Klein: Ja, da hat sich tatsächlich eine erstaunliche Wendung ergeben, wenn man bedenkt, dass „Asylant” noch vor wenigen Jahren ein weitverbreitetes Schimpfwort war. Der Fall von Godwin ist jedoch trotzdem anders. Er ist kein Asylsuchender sondern – und das betone ich immer wieder – ein sogenannter Wirtschaftsflüchtling. Heute würde er als Nigerianer wahrscheinlich Asyl bekommen, doch vor vier Jahren hat er sich nur wegen der wirtschaftlichen Situation seines Landes auf den Weg durch die mörderische libysche Wüste gemacht und übers Mittelmeer nach Lampedusa. Die Frage ist jetzt also, nehmen wir nur politische Flüchtlinge auf oder öffnet sich Deutschland – und Europa – generell für Einwanderung. Sicher gibt es zur Zeit, anders als vor vier Jahren, eine deutlich größere Wahrnehmung der Flüchtlingssituation. Man muss nicht mehr um Aufmerksamkeit und Sichtbarkeit kämpfen, wie zu Beginn von „Tracing Godwin”. Als wir das Projekt für Freiburg planten, war diese Veränderung noch nicht abzusehen, die Stimmung eher gegen Aufnahme und niemand wollte die Flüchtlinge in seiner Nähe haben.

Artline: Nachdem Angela Merkel kürzlich sagte, dass das Recht auf Asyl keine Obergrenze kenne, und u.a. die Bundespolizei damit begann, die Weiterreise der Flüchtlinge von Budapest nach Deutschland zu koordinieren, schien für einen Moment die Frage nach der Legalität oder Illegalität der Migranten irrelevant. Mittlerweile kontrollieren viele Staaten plötzlich wieder ihre Grenzen. Denkst du, dass die Ereignisse der vergangenen Wochen mittelfristig zu einer größeren Solidarität mit Illegalen führen? 
Klein: Ja, wenn noch andere Länder darauf einsteigen, wie zum Beispiel England mit dem neuen Labour-Kandidaten, der sich für eine großzügerere Aufnahme einsetzen möchte. Ungarn ist das Gegenbeispiel, und ich kann nur hoffen, dass die Sympathien der Menschen auf der richtigen Seite liegen. Die Gefahr, dass die gegenwärtig positive Stimmung kippt, ist dennoch immer gegeben.

Artline: Wie wird es mit Tracing Godwin weitergehen? Hast du vor, die Arbeit fortzuführen und dabei neben ortspezifischen Aspekten auch aktuelle politische Entwicklungen stärker zu berücksichtigen – oder würde das dein Konzept sprengen? 
Klein: Das Projekt läuft weiter, da es sich ja inzwischen auf die Situation in ganz Europa bezieht – das Konzept werde ich da nicht ändern. Aber es gibt bereits auch ein Gegenprojekt – die „European Border Watch Organisation”. Das ist eine fiktive „private” Organisation, die die europäischen Aussengrenzen unter Bürgerbeteiligung sichern möchte, ganz bequem vom Computer zu Hause aus. Dieses Projekt läuft auch bereits seit 2007 und wird jedes Jahr aktueller. Im letzten Frühjahr habe ich es gerade wieder durchgeführt, mit eigenem Anwerbungsbüro in der Innenstadt Osnabrücks (www.europeanborderwatch.org), was zu einer erheblichen Irritation und Provokation führte. Beide Projekte bilden zusammen zwei Seiten einer Medaille, worin sich durchaus die aktuelle Entwicklung spiegelt.

 

Georg Klein: Tracing Godwin.
Diverse Orte, Freiburg.
(als Soundinstallation im Faulerbad, Faulerstr. 1, Montag bis Sonntag 12.00 bis 20.00 Uhr, bis 24. Mai 2016). 




Tracing Godwin Projekt-Website