17/09/15

Small Talk

Neues aus Politik, Intimität und Gesellschaft: Jessica Pooch bei Herrmann Germann Contemporary in Zürich

von Dietrich Roeschmann

150917herrmann3.jpgJessica Pooch, Your Structure Is My Skin, 2015, Ausstellungsansicht Herrmann Germann Contemporary, Zürich

Die preisgekrönte Installation "Your Structure Is My Skin" von Jessica Pooch (*1982) war eines der Highlights der diesjährigen Swiss Art Awards: ein Raum im Raum, gebaut aus hautfarben beschichteten Trennwänden und begehbar durch fünf Toilettentüren, die man hinter sich verschliessen konnte. An den Innenwänden hatte Pooch in luftigen Ornamenten scharfkantige Spitzkegel aus Edelstahl montiert, wie man sie hin und wieder vor Schaufenstern oder zwischen Rolltreppen findet, um Menschen vom Herumlungern in Top-Geschäftslagen oder vom Escalator-Surfen in U-Bahn-Stationen abzuhalten. Was die in Zürich lebende Künstlerin hier intensiv erfahrbar machte, waren die verborgenen Strategien der Grenzmarkierung zwischen Körper und öffentlichem Raum. 

150917herrmann1.jpgJessica Pooch, Body Buildings, 2015, Ausstellungsansicht Herrmann Germann Contemporary, Zürich

Abstand ist auch das Thema von Poochs aktueller Ausstellung „Small Talk“ bei Herrmann Germann Contemporary, von der von außen zunächst kaum mehr zu sehen ist als die Toilettentürfront ihrer Basler Installation. Doch anders als in Basel öffnet sich der Raum dahinter zur Galerie, wo über Sitzbänken wie in der Umkleide eines Fitness-Gym kleinformatige BIldobjekte in zarten Pastellfarben zu lockeren Gruppen sortiert an der Wand hängen. Die Bildträger bestehen aus geruchsneutraler Seife, auf deren Oberfläche Pooch je vier Haarbänder eingegossen hat, die sie in den vergangenen Monaten auf der Straße fand. An manchen kleben noch die Haare ihrer ehemaligen Besitzerinnen, andere sind halb zerrissen, oft bluten ihre grellen Farben in den milchigen Seifenblock aus, von denen sie in maskenhaften Formationen blicken.

Indem Pooch intime Alltagsobjekte mit den Körperresten Fremder als Material für ihre Kunst nutzt, was einen latenten Ekel hervorruft, konfrontiert sie uns zugleich mit der brisanten Frage, warum Nähe, sofern sie nicht durch Verwandtschaft oder Freundschaft legitimiert ist, in unserer Gesellschaft in der Regel als Tabubruch empfunden wird. Ist das ein gewöhnlicher Affekt? Eine Frage der Psychologie, der Sozialisation? Vielleicht. Zugleich aber – und das zeigen Poochs Arbeiten in einer wunderbar kompakten Mischung aus Coolness, Witz und schmerzhafter Präzision – ist die Abwehr von Intimität und Verbindlichkeit im öffentlichen Raum längst eine politische Frage und so nicht nur Gegenstand, sondern auch Kalkül und Folge öffentlicher Architektur.


Herrmann Germann Contemporary

Stationsstr. 1, Zürich.
Öffnungszeiten: Mittwoch bis Freitag 14.00 bis 18.00 Uhr, Samstag 12.00 bis 17.00 Uhr.
Bis 3. Oktober 2015.




Herrmann Germann Contemporary, Zürich
Jessica Pooch
Künstlerinporträt, artline 16.6.2014