27/08/15

Negation durch Konstruktion

Carlos Bunga im Zürcher Haus Konstruktiv

von Dietrich Roeschmann

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Carlos Bunga, I am a nomad, 2015, Ausstellungsansicht Haus Konstruktiv, 4. OG

Irgendwo im Treppenhaus des Haus Konstruktiv, wenn die schweren Türen hinter einem ins Schloss gefallen sind, verliert sich der wüste Soundtrack aus afrikanischen Rhythmen, russischer Klavieravantgarde und Revolutionsparolen, der William Kentridges Videoinstallation „I am not me, the horse is not mine” im Erdgeschoss begleitet. Doch das Echo dieses seltsam humoresken und panischen Dramas über den Zusammenhang von Utopie, Totalitarismus und Gewalt klingt im Kopf nach – und nicht nur dort. Eine überraschende Fortsetzung findet es in der Soloschau des jungen portugiesischen Malers und Bildhauers Carlos Bunga (*1976), die hier parallel zu Kentridges Multimedia-Oper zu sehen ist. 

Auch Bungas Arbeiten kreisen um das Scheitern der Idee vom besseren Leben, beziehen sich historisch jedoch auf die postrevolutionäre Spätmoderne, als sich in den immer länger werdenden Schatten der suburbanen Wohnmaschinen und Schlafstädte längst das dystopische Potenzial der einst gefeierten „Einheit von Kunst und Leben” offenbarte. Seine niedlichen „Fragmentos” etwa, zusammengeklebt aus billigem Verpackungsmaterial, zweifarbig bemalt und jedes für sich auf einem eigenen Sockel präsentiert, wirken wie eine Ansammlung schräger Do-It-Yourself-Modelle zur Lektüre eines Missverständnisses namens International Style. „Ein Fragment lässt mich immer an das denken, was fehlt”, schreibt Bunga dazu in seinem kurzweiligen Ausstellungsglossar „DNA. From Absence To Work”. Den fröhlichen Mangel an Ehrfurcht vor den Helden der Moderne, der hier aufscheint, kompensiert Bunga in seinen Plastiken, Zeichnungen, Collagen und Videos mit viel Witz und dekonstruktivistischem Scharfsinn. 

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Carlos Bunga, I am a nomad, 2015, Ausstellungsansicht Haus Konstruktiv, 3. OG

Bungas Interesse an Erkenntnisgewinn durch Demontage ist nicht neu. Schon 2004, zur Eröffnung der Manifesta 5 in San Sebastian, präsentierte der heute 39-Jährige die Trümmer einer monumentalen Pappskulptur, die er zuvor in tagelanger Arbeit errichtet hatte. In Zürich dagegen hinterlässt seine Kunst der Zerstörung eher eine virtuelle Ruine. Für seine Installation "Constructive Construction" zog sich Bunga drei Wochen lang in das vierte Obergeschoss des Haus Konstruktiv zurück und ergänzte die Architektur der Ausstellungssäle mit Unmengen von Pappe und Paketband durch eine Reihe neuer Wände, die sich so plausibel in die Räume einfügen, dass sie im ersten Moment kaum auffallen. Doch gerade diese Mimikry macht sie zu Trojanischen Pferden in Bungas subversivem Spiel mit den Bedeutungen und Funktionen des White Cube. In ihrem offenkundigen Bastel-Look wirken die labilen, aber präzise gesetzten Pappeinbauten wie ein höhnischer Kommentar auf die Tragfähigkeit der echten Musemswände, die sie nur imitieren. Dass sich Bunga am Ende entschloss, seine Einbauten im letzten Raum wieder zu entfernen – übrig blieben hier nur ein paar sauber mit Tape am Boden fixierte Kartonfragmente –, gehört zu den vielen schönen Pointen dieser Schau. Mittlerweile hat man ein so selbstverständliches Vertrauen zu den Fake-Architekturen des Portugiesen entwickelt, das man sich ohne diese scheinbar stützenden Strukturen im nackten Ausstellungsraum plötzlich nicht mehr sicher fühlt.  

Carlos Bunga: I am a nomad.
Haus Konstruktiv
Selnaustr. 25, Zürich.
Öffnungszeiten: Dienstag bis Sonntag 11.00 bis 17.00 Uhr, Mittwoch bis 20.00 Uhr. 
Bis 6. September 2015. 

Katalog / Künstlerbuch: Carlos Bunga: DNA.
Artphilein Editions, Lugano 2015, 128 S., 30 Franken. 




Artphilein Editons, Lugano
Haus Konstruktiv
Review zu William Kentridge "The Nose", artline 6.7.2015