30/05/12

Künstlerische Befreiungsbewegung

Das Kunstmuseum Thun zeigt die Konzeptkunst des kubanischen Künstlerduos Los Carpinteros.

von Annette Hoffmann
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Wenn dies ein Sinnbild des Kollektivs sein soll, dann muss es schlecht um es bestellt sein. Auf „16m“ summiert sich im Kunstmuseum Thun die Reihe identischer Anzugsjacken, die auf Bügeln an einer Kleiderstange hängen. Vom ersten bis zum letzten Jackett geht ein Loch durch den Stoff, so als ob eine Kugel durchgeschlagen wäre oder besonders zielgerichtete Motten sich durch die Kleidungsstücke gefressen hätten. Schaut man durch es hindurch, glaubt man in einen Gang zu blicken. Aber dies ist kaum weniger bezeichnend: 20 Schwimmflossen, die im Rund angeordnet sind. Wie um ihre Überlänge zu bändigen, wellen sie sich und bilden dabei ein florales Ornament oder eine Insel, die von merkwürdigen Ausläufern bewacht ist.

Es fällt schwer die Werke des kubanischen Künstlerduos Los Carpinteros nicht mit ihrer Herkunft zu verbinden. Und tatsächlich lassen sich politische Rückschlüsse in der Ausstellung „Silence your eyes“ ziehen. So zeigt die Serie „Túneles Populares“ Schwarzweiß-Aufnahmen von verriegelten Tunneleingängen, hinter denen sich Schutzräume für die jeweilige Nachbarschaft verbergen, die während des Kalten Krieges angelegt wurden. Für Marco Castillo (*1971) und Dagoberto Rodríguez (*1969) ein Symbol dafür, wie auf Kuba durch Aktionismus die verbindende Idee eines Volkskollektives im allgemeinen Bewusstsein verankert werden sollte. Die Fotografien stammen aus dem Jahr 1999 und gehören damit zu den frühesten Arbeiten von Los Carpinteros, die nun in Thun zu sehen sind. Damals waren sie noch zu dritt und hatten sich gemeinsam mit Alexandre Arrechea fünf Jahre zuvor den sprechenden Namen „Die Schreiner“ gegeben, ein Statement gegen eine individuelle künstlerische Autorschaft und ein ironischer Verweis auf die Mangelwirtschaft auf Kuba, die sie zwang, weitgehend mit Treibholz zu arbeiten. Mittlerweile teilen sie ihre Zeit zwischen Havanna und Madrid auf. Und so reflektiert ihre Arbeit „Movimiento de Liberación Nacional“, zwei Grills, deren Sternenform auf den Sozialismus verweist – möglicherweise auch ihre eigene Entwicklung und ihre ganz persönliche nationale Freiheitsbewegung.

Das Künstlerduo nimmt sich des Sozialismus wie einer Hinterlassenschaft an und konfrontiert ihn mit einer globalen Freizeitkultur. Die Oberfläche ihrer Werke entspricht Designobjekten, die jedoch mit Konzeptkunst unterfüttert ist. So verweisen ihre Schranksysteme, die aus unzähligen Schubladen bestehen, ironisch auf die ersten Hochhäuser in Havanna, erinnern aber zugleich an das Modulprinzip des Minimalismus. In ihrer neuesten Werkreihe, den Aquarellen „Knin Lego (Tríptico)“ befassen die Künstler sich – wie derzeit auch Aleksandra Domanović in der Kunsthalle Basel – mit den politischen Denkmälern im früheren Jugoslawien und übersetzen sie in eine imaginäre Oberfläche aus Legosteinen. Sie mutet an als sei eine Katastrophe über sie hinweggegangen. Gut möglich, dass diese großformatigen Gouachen einmal als Skizze für eine dreidimensionale Umsetzung dienen werden. Als „Concept-Moments“, die in einem Zoo gebändigt werden, charakterisieren Castillo und Rodríguez ihre Zeichnungen. Sie sind Ideenarchiv und zugleich Medium der Reflexion. Ihre Arbeit „Ping Pong“ ist beides: Skulptur und Abbildung eines Spielverlaufes. Ein Gewirr von Schlauchstücken geht von der Tischtennisplatte ab und zeichnet den Ballwechsel in die Luft. Man muss darin nicht die Dokumentation einer vergangenen Partie sehen. Los Carpinteros brauchen zwar den Widerstand und die Schwerkraft, wissen aber damit zu spielen und halten den Ball mit allen Techniken der Konzeptkunst gewitzt in der Luft.

Los Carpinteros: Silence your eyes.
Kunstmuseum Thun.

Hofstettenstr. 14, Thun.

Öffnungszeiten: Dienstag bis Sonntag 10.00 bis 17.00 Uhr, Mittwoch 10.00 bis 19.00 Uhr.
Bis 8. Juli 2012.

Zur Ausstellung erscheint ein Katalog bei Ivorypress, Madrid / London.
Kunstmuseum Thun