07/09/15

Prekäre Wirklichkeiten im Fokus

Das 6. Fotofestival kuratiert von Urs Stahel, erkundet die Krisenfelder der Gegenwart

von red.

mannheimpollybraden.jpg

Polly Braden, London Metal Exchange, 2012, aus „London’s Square Mile“, 2006-2015, © Polly Braden, courtesy the artist

Mitte September bis Mitte November ist die Metropolregion Rhein-Neckar erneut Schauplatz des Fotofestivals Mannheim-Ludwigshafen-Heidelberg, des inzwischen größten kuratierten Fotofestivals in Deutschland. Unter dem Titel [7P] stehen die Themen High-Tech, Logistik & Migration, Gewalt & Zerstörung, Urbanismus & Real Estate, Geld und Gier, Wissen, Ordnung, Macht, Ich-Fest & Selbst-Stress sowie Kommunikation und Kontrolle im Fokus des europaweit viel beachteten Festivals. Kurator Urs Stahel lenkt damit einen kritischen Blick auf aktuelle Fragestellungen der heutigen Gesellschaft und zeigt uns eine Momentaufnahme der prekären Verhältnisse in unserer modernen Welt. Die Ausstellung beschäftigt sich mit Entwurzelung, Entortung, Entfremdung, mit High-Tech und Sozialkontrolle, mit übersteigerten Selbstbildern, überspannten Psychen, Raffgier, Narzissmus, dem Verlust von Selbstkontrolle, mit Gewalt, Überwachung, Strafe, Kommunikation und schließlich der Kontrolle durch Bilder.

Urs Stahel, Gründungsdirektor des Fotomuseums Winterthur, Mitbegründer der Kunsthalle Zürich und Kurator des neuen Zentrums für Industriekultur in Bologna, möchte gemeinsam mit den gezeigten Künstlerpositionen einen Ort bzw. Orte des Nachdenkens und Diskutierens über Bilder und die Welt schaffen. Im Gespräch mit kunstraumMETROPOL erläutert Urs Stahel seine Motivation, seine Ziele und Wünsche für das Fotofestival und seinen persönlichen Eindruck von der Metropolregion Rhein-Neckar.

kunstraumMETROPOL: Was war für Sie persönlich der Reiz des Fotofestivals Mannheim-Ludwigshafen-Heidelberg?

Urs Stahel: Zuerst gab es wenig Reiz, denn ich bin kein sehr großer Fan von Festivals. Erstens weil es davon Hunderte auf der Welt gibt, zweitens, weil sie oft schlecht organisiert und inhaltlich nicht wirklich interessant sind und drittens, weil ich nach dem Fotomuseum Winterthur nicht mehr symphonische, sondern eher kleinere kammermusikalische Projekte angehen wollte. Aber dann hat mich das Team des FF überzeugt, die guten Ausstellungsorte, die funktionierende Zusammenarbeit dieser Orte mit dem FF, und natürlich die Qualität früherer Festivals. Ich habe dem Vorstand empfohlen, das Festival in Zukunft doch eher Fotobiennale zu nennen. Zum einen findet es alle zwei Jahre statt und zum anderen entfaltet es weit mehr die Qualität einer seriösen Biennale als eines lockeren Fotofestivals.

 

KunstraumMETROPOL: Welches Konzept steht hinter der Themen- und Künstlerauswahl? Warum prekär?

Stahel: Der Wunsch, sich mit Heute, mit Jetzt zu beschäftigen, mit den Umständen, in den wir leben. Und der Wunsch, sich mit Fotografien, mit Bildern zu beschäftigen, die uns herausfordern, uns auffordern, uns Fragen stellen. Bilder also, die sich nicht ausschließlich mit sich selbst beschäftigen und zugleich nicht behaupten, die Wahrheit gepachtet zu haben, sondern sich, wie ich es gerne sage, in diesen kritischen, prekären Feldern der heutigen Gesellschaft und Wirtschaft umtun. Persönlicher gesagt: Ich lebe ein mittelständisches Leben. Das bedeutet, die existenziellen Sorgen sind klein, Bio kann ohne viel zu denken in den Einkaufskorb gelegt werden, oft scheint die Sonne, vielleicht ein wenig zu viel Arbeit. Aber gleichzeitig weiß ich, wie wir alle, dass wir zahlreiche kleine und größere Vulkane am Brodeln haben, die alle, wenn sie ausbrechen, unser Leben radikal verändern werden. Und wir scheinen, Polit- und Wirtschaftskapitäne eingeschlossen, in einer merkwürdigen Lähmung zu verharren. Wir starren auf die Stelle, an der „es“ kommen wird, wenn es kommt und fahren mit dem normalen Leben weiter.

 

KunstraumMETROPOL: Was erwartet die Besucher? Was sollen die Besucher von einem Besuch des Festivals mitnehmen?

Stahel: [7] kleinere und größere Ausstellungen, an [7] kleineren und größeren Ausstellungsorten. [7] markante Themen, die oben in der Einleitung aufgeführt sind, die sich mit Krisenfeldern unseres heutigen Lebens beschäftigen. Thematisiert und visualisiert anhand von mehr als 40 Werkgruppen von internationalen Fotografen und Fotografinnen, Künstlern und Künstlerinnen. Nebst klassischen Wandarbeiten gibt es einige Projektionen, Videos und Filme zu sehen. Ich hoffe sehr, dass es mir gelingt, mit möglichst guten, komplexen Arbeiten die Themen eindringlich, nachdenklich und nachhaltig zugleich inszenieren zu können. Damit die Besucher von Bild- und Gedankenkraft erfüllt nach Hause gehen, und zugleich anregt, auf Alltag zurückkehren.

 

KunstraumMETROPOL: Was muss man unbedingt sehen?

Stahel: Alles. Sie können grundsätzlich von mir als Kurator nicht erwarten, dass ich auch gleich schon eine Rangliste mitliefere, mein eigenes Kuratieren und die Werke klassifiziere.

Alles zum zweiten, weil die Ausstellung mit den [7] Themen so angelegt ist, dass jede Ausstellung ihr eigenes Recht, ihre eigene Ausstrahlung hat und zugleich Teil des Gesamten ist. Also formuliere ich es gerne umgekehrt: Wer zwei Ausstellungen gesehen hat, hat fünf Ausstellungen verpasst. Ich arbeite daran, dass es sich wirklich lohnt, alles zu besuchen und zu sehen.

 

KunstraumMETROPOL: Welche Bedeutung nimmt die Fotografie im Zeitalter der Digitalisierung ein? Stichwort Bilderschwemme im Internet, große und ständige Öffentlichkeit, Manipulation von Wahrheiten…

Stahel: Diese Frage eröffnet ein großes Feld, über das wir abendfüllend debattieren könnten. Drei, vier Gedanken dazu: Zu Beginn des digitalen Einbruchs in die Fotografie wurde vor allem über die Manipulierbarkeit der digitalen Daten diskutiert. In der Pressefotografie zum Beispiel so: Der Fotograf verliert im großen Ausmaß die Autorenschaft über das Bild, weil der Bildredaktor in einer Art von Postproduktion die Fotografie auf leichte Art und Weise verändern kann. Er kann die Kontraste erhöhen, Farben verändern, akzentuieren, bis hin zu direkten Eingriffen ins Bild.

Nun stellen wir aber fest, dass einschneidende Veränderungen der Digitalisierung sich hauptsächlich in anderen Feldern manifestieren. Dass wir uns zum Beispiel in neue Formen der Künstlichkeit hinein bewegen. Im Wechselspiel zwischen Körper und Bild vom Körper verändern sich auch unsere inneren Bilder und entsprechend die hergebrachten Grenzziehungen. Wir greifen die herkömmliche Integrität des Körpers an, greifen ein, nicht nur bei Krankheiten, vielmehr lässt uns die sich laufend entwickelnde Vorstellung des perfekten Körpers, des „Bodys“, des perfekten Gesichts weit schneller zum Messer greifen.

Der Augensinn hat bereits im 20. Jahrhundert zunehmend die anderen Sinne dominiert, die Digitalisierung schließlich (rest-) entsinnlicht auch das fotografische Bild. Das Alchemistische der Fotografie ist verschwunden, die Dunkelheit, der Geruch von Chemikalien, das rote Licht, die eigentliche Camera obscura. Das Bild ist ans Licht gezerrt worden, entkörperlicht, die Auszehrung hat sich seiner bemächtigt. Geblieben ist es als Datenmenge, brillant am Bildschirm anzuschauen, eine Datenmenge, die leicht gelenkt, animiert, designt und schnell flächendeckend über die Welt verteilt werden kann.

Wir produzieren Billionen von Fotografien, stellen sie online, schicken sie mit Lichtgeschwindigkeit um die Welt – eine der großen Möglichkeiten durch die Digitalisierung der Fotografie und der Kommunikation –, und vielleicht schaut sie gar niemand mehr an? Wir machen endlos viele Fotos, aber offenbar verschwinden doch die meisten davon in einem beträchtlichen Aufmerksamkeitsdefizit?

Welche Funktion haben diese Bilder heute wirklich? Was wollen, sollen, dürfen sie sein? Ein Großteil davon scheint kaum mehr ästhetische Funktionen wahrzunehmen, sondern als soziale und individualpsychologische Trigger mit einer Laufzeit von 1,2,3,4 maximal 5 Sekunden zu agieren. Statt Erinnern: Fotografieren. Statt Erleben: Fotografieren. Statt Denken: Fotografieren. Statt Wissen: Fotografieren. Statt Reden: Fotografieren. Statt Lieben: Fotografieren. Statt Lesen: Fotografien. Sie kennen die Situation, in der Ausstellungsbesucher die Erläuterungstexte fotografieren, in der Meinung, sie lesen sie dann zuhause. Das Fotografieren scheint hier das ursprüngliche Erleben zu ersetzen. Umso wichtiger wird es, sich mit komplexen, reichen, engagierten Bildern auseinander zusetzen.

 

KunstraumMETROPOL: Welchen Stellenwert mit Blick auf die Zeitgenössische Kunst nimmt die Metropolregion Rhein-Neckar Ihrer Einschätzung nach ein? Zukunft des Fotofestivals?

Stahel: Ich muss gestehen, dass ich die Region zu wenig kenne, um darauf eine fundierte Antwort geben zu können. Ich lerne die Region zurzeit kennen, schrittweise mehr. Was ich sagen kann ist dies: Das Fotofestival hat, wenn es so weitermacht, eine große Zukunft vor sich. Kuratierte Ausstellungen dieser Größenordnung gibt es im Bereich der Fotografie selten oder nie. Die Basis stimmt, die Organisation stimmt. Der Willen, hier etwas Besonders zu leisten ebenfalls. Ich kann das Festival nur ermutigen, diesen Weg mit kräftigen Schritten weiterzugehen. Beim Gehen allerdings muss man sich immer fragen, ob der Weg neu justiert werden muss, ob der Boden noch tragfähig ist, ob es die richtigen Schuhe sind, die einen tragen. Aber das weiß man hier selbst. Ich kann der Region nur zu dieser Foto-„Biennale“ gratulieren.

 

[7P]
[7] Orte
[7] Prekäre Felder
6. Fotofestival

18. September bis 15. November 2015
Mannheim, Ludwigshafen, Heidelberg

 

 

 




Fotofestival Mannheim-Ludwigshafen-Heidelberg