22/07/15

Gebrauchsanweisung für das Raumschiff Erde

Ambitioniert: das ZKM macht sich auf die Suche nach einem Happy End der Dialektik der Aufklärung

von Dietrich Roeschmann

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Ryoji Ikeda, micro/macro, 2015, Foto: Martin Wagenhan © ZKM/Karlsruhe
Gemessen an dem, was sich Peter Weibel mit dem Ausstellungsprojekt „Globale” vorgenommen hat, sind 300 Tage Laufzeit geradezu ein Witz. Immerhin will der Direktor des ZKM Karlsruhe in den kommenden Monaten nichts weniger als eine „Gebrauchsanweisung für das Raumschiff Erde” formulieren, die den Menschen als Leitfaden für das Leben unter den Bedingungen der fortschreitenden Globalisierung und Digitalisierung dienen soll. Mehr noch. Die „Globale”, schreibt Weibel im Programm-Reader, wolle den Besuchern „Optimismus zurück geben – den Glauben und die Hoffnung, dass die Menschheit doch noch eine Chance hat, die Probleme selbst zu lösen, die sie schafft”.

Dafür hat sich der Medientheoretiker nun gleich mehrere Kuratorinnen und Kuratoren ins Boot geholt, die wiederum Hunderte von Kunstschaffenden, Wissenschaftlern und Autoren aus aller Welt einluden für knapp zwei Dutzend Ausstellungen zu Themen wie „Globale Überwachung und Zensur” (ab 3. Oktober), die „Exo-Evolution” technologischer Human-Surrogate (ab 30. Oktober) oder die Notwendigkeit eines Neustarts der Moderne – diesmal ohne Blut, dafür aber mit verantwortungsvollem Blick auf die Folgen menschlichen Handelns –, den der Soziologe Bruno Latour zum Abschluss des Sieben-Millionen-Euro-Programms zum 300. Stadtjubiläum Karlsruhes unter dem Slogan „Reset Modernity!” vorschlagen wird.

So ambitioniert diese groß angelegte, interdisziplinäre Suche nach einem Happy End der Dialektik der Aufklärung zunächst klingen mag: Ob das Experiment am Ende gelingt, ist keineswegs ausgemacht. Die ersten beiden Ausstellungen im ZKM zielten jedenfalls eher auf die Sinne als auf den Verstand. Eine Wolke zum Eintauchen, vom Künstlerkollektiv Transsolar per Trockeneismaschine in den ersten Lichthof geblasen und technisch in Form gehalten, hängt dort seit Mitte Juni als Metapher der menschlichen Macht über natürliche Prozesse im gerade anbrechenden Anthropozän. Auch die gigantische Raumprojektion „micro/macro”, die der japanische Datenkünstler Ryoji Ikeda zwei Lichthöfe weiter zeigte, setzte auf Überwältigung und Spektakel – ohne dabei viel mehr hervorzubringen als ein tiefes Raunen über das erstaunliche Zusammenwirken der Energien in dieser Welt, vom Elementarteilchen bis zur entferntesten galaktischen Superstruktur. Da ist noch Luft nach oben. Aber die „Globale” hat ja auch noch 250 Tage Zeit.         

 

Globale
ZKM
Lorenzstr. 19, Karlsruhe.
Öffnungszeiten: Dienstag bis Freitag 10.00 bis 18.00 Uhr, Samstag bis Sonntag 11.00 bis 18.00 Uhr.
Bis 17. April 2016.

 

 

 




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