14/09/15

Anahita Razmi

Aneignen, Übersetzen, Re-Inszenieren: Die Arbeiten der Berliner Künstlerin kreisen um kulturelle und rhetorische Transfers

von Anne Schreiber
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Anahita Razmi, Arsenals, 2012, Foto: Thomas Ganzenmüller, Kunstverein Hannover
In den Arbeiten von Anahita Razmi (*1981) werden die Mechanismen des globalen Kunstbetriebs sichtbar. Mit Studienstationen in Weimar, New York und Stuttgart gleicht ihr Lebenslauf der einer westlichen Künstlerin. Zugleich lassen viele ihrer Werke vermuten, dass man es mit einer aus dem Iran kommenden Künstlerin zu tun hat. Tatsächlich ist Razmi iranischer Abstammung, wurde jedoch in Hamburg geboren. Es sind Erwartungshaltungen und kulturell codierte Zeichenpraktiken, mit denen sich Razmi auseinander setzt. Eine Fotografie von 2015 zeigt ihren tätowierten Unterarm, auf dem ein Schriftzug in Farsi zu sehen ist. Übersetzt bedeutet dieser „This is Not Iranian.“ Die Künstlerin macht sich zum Objekt eines Systems, das über die Kommunikation von kulturellen und nationalen Codes funktioniert. Zugleich übersetzt sie den westlichen Begriff moderner und zeitgenössischer Kunst in den Kontext eines global gewordenen Betriebs. Die Strategie der Aneignung, Übersetzung und Dekonstruktion zieht sich wie ein roter Faden durch ihr Werk.

Mit „Roof Piece Tehran“ re-inszeniert Razmi eine Arbeit von Trisha Brown aus dem Jahr 1971 und verlegt die moderne Tanzperformance aus dem New Yorker Kontext in die Gegenwart Teherans. Während sie hierdurch eine Verbindung zu den Protesten anlässlich der Präsidentschaftswahlen von 2009 erzeugt, die als Guerilla-Aktionen auf den Dächern stattfanden, ist zugleich die  Vorstellung ästhetischer Autonomie zur Disposition gestellt – im Iran ist moderner Tanz verboten. Die Arbeit erhielt als Videoinstallation auf der Londoner Frieze den Emdash Award 2011 und damit die Aufmerksamkeit des Massenpublikums einer westlichen Kunstmesse, während die Performance im Iran der Zensur unterlag und für die Öffentlichkeit nicht sichtbar war. Mit der Arbeit „Anahita Razmi Promo” ist ein Verweis aufgemacht zu der Arbeit „Chris Burden Promo“ des US-amerikanischen Künstlers. Ebenso wie Burden in den 1970er Jahren verschiedene Fernsehkanäle benutzte, um sich als Produkt einer Medienöffentlichkeit zu inszenieren, indem er nach Ausstrahlung großer Künstlernamen seinen eigenen nennen ließ, sendet Razmi über iranische Satellitensender die Namen bekannter iranischer Künstler, und im Anschluss ihren eigenen. Die Liste wird hier teils über illegale Sender übermittelt, wodurch die Mechanismen des Ein- und Ausschlusses medialer Öffentlichkeit im Iran thematisch werden.

Für die Ausstellung in der Kunststiftung Erich Hauser arbeitet Razmi an einer Video-Installation, in der es weniger um den Transfer von Zeichen zwischen West und Ost geht, denn um gegenwärtige Medienpraktiken und ihre jeweilig hergestellte Öffentlichkeit. Auf TV-Monitoren sind bekannte YouTube-Stars zu sehen, die nun allerdings offizielle Reden von Präsidenten, Politikern und öffentlichen Personen verlesen. Indem diese synchron laufen, entsteht ein Chor aus Stimmen, der die Werkstatthalle der Stiftung durchflutet. In der Videoinstallation wird die Authentizität der politischen Rede gebrochen, indem sie als Produkt erscheint, die für ein Massenpublikum gedacht ist, die der Individualität der YouTube-Stars entgegensteht. Auch hier verwendet Razmi ein ästhetisches Zeichenregime, eine standardisierte Rhetorik, die sie in einen anderen Kontext übersetzt und hierdurch Identität als Resultat von kulturellen Regimes sichtbar macht, die in Abhängigkeit von ihrer jeweiligen Umgebung eine ungewohnte und neue und zumeist hoch politische Bedeutung erhalten.         

 

Anahita Razmi: Werkstattpreisträgerin 2015.
Kunststiftung Erich Hauser
Saline 36, Rottweil.
Öffnungszeiten: Mittwoch 17.00 bis 19.00 Uhr, Samstag und Sonntag 13.00 bis 17.00 Uhr.
2. Oktober bis 1. November 2015.




Erich Hauser Stiftung