01/09/15

„Morgen Umsturz, übermorgen Landpartie“

Eine Ausstellung des Goethe-Instituts dokumentiert im Münchner Haus der Kunst die Subkultur der 80er Jahre in Deutschland

von Isabel Mehl
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Einstürzende Neubauten auf der documenta 7, Friedericianum, Kassel 1982. Foto: Peter Gruchot

„Woher weht der Wind von morgen,
wozu wird das Ding gebaut?
Wonach schreit der Mensch von heute,
wer hat mein Gehirn geklaut?“
Der Plan, Gummitwist, 1984


Im Foyer der Ausstellung „Geniale Dilletanten. Subkultur der 1980er-Jahre in Deutschland“ wird eine Dokumentation mit den verschiedenen „genialen Dilletanten“ dieser Zeit gezeigt. Vornehmlich die Männer der Szene erinnern sich dort an die wilde Zeit, den Aufbruch, den Punk, den Widerstand gegen die hegemoniale Hippie-Kultur und den Dilettantismus ihrer vergangenen Jahre. Konzipiert wurde die von Mathilde Weh kuratierte Schau als Tourneeausstellung des Goethe-Instituts. Seltsam didaktisch wirkt das und wird gerahmt von klinisch steril wirkenden Posterausdrucken und Retro-Fotos im Treppenaufgang. In diesem Fall hätten die Originale vielleicht geholfen, die entstehende Distanz zwischen den Rezipientinnen und Rezipienten und dem Material zu verringern. Die verlassenen Clubs und die nächtlichen Gesichter, die auf den Fotos zu sehen sind, wirken wie auf dem Präsentierteller. Ich fühle mich als Voyeurin und schaue mir die Frisur von Gudrun Gut an, später steht sie neben Nena.

Dann betrete ich die Ausstellung. An den Wänden Gemälde der „Neuen Wilden“, Kippenberger, A.R. Penck & Co, im Raum dazwischen Stellwände, die jeweils eine Band vorstellen. Hinten rechts nochmal ein Kino mit Dokumentarfilm und an der Wand davor eine Hörstation. Dort kann man sich durch die Musiktitel der präsentierten Bands hören. Die Musik einer Zeit, in der noch mit Kassette aufgenommen wurde, wird hier von in einen weißen Tisch eingebetteten iPads abgespielt. Während die Musik über die Kopfhörer läuft, blicke ich auf die Covers der LPs. Angesichts der inszenierten Fotos der Band fragt man sich, warum die Covers nicht anstelle der Malerei mir gegenüber an der Wand hängen. Die Band Der Plan entstand aus der Wuppertaler Galerie Art Attack heraus und inszeniert sich in einem Hinterzimmer mit Masken und Zigarrenkisten. Die hier ersichtliche Anti-Haltung, der Widerstand gegen gesellschaftliche Erwartungen und Stereotypen ist gerade im Jetzt relevant. Die flächendeckende Anpassung in der Gegenwart, die sowohl um jeden Preis als auch ohne konkretes Ziel stattzufinden scheint, sollte beunruhigen. Die Band F.S.K. ging 1980 aus dem Magazin „Mode und Verzweiflung“ hervor: „Heute Disco, morgen Umsturz, übermorgen Landpartie. Dies nennen wir freiwillige Selbstkontrolle.“ Das Performance Duo Lorenz Lorenz stellt fest: „Das Leben ist ernst genug, man muss es nicht auch noch ernst nehmen.“ Warum werden die von den Bands entwickelten Bilder als solche nicht ernst genommen und zu den Texten in Bezug gesetzt?

„Kann ich morgen nicht mehr leben
ohne Personalcomputer?
Kann ich meine Blumen nicht mehr
ohne den Computer gießen?
Kann ich keine Suppe kochen
ohne LCD-Display,
und wenn ich meine Socken wasche,
brauche ich ein Interface?“
Der Plan, Gummitwist, 1984

Die Fernseher, auf denen vor den Stellwänden Videos der Bands laufen, helfen da wenig und bilden eher ein bloßes Hintergrundrauschen. Das Gemälde „1/10 Sekunde vor der Warschauer Brücke“ (1978) von Bernd Zimmer vermittelt schon eher ein Gefühl für die Zeit, weil es uns vielleicht gerade nicht mit Bildern überhäuft. Es wurde nur für eine Nacht im Berliner Club SO36 gezeigt, den Martin Kippenberger damals übernahm. Am Ende des zweiten Raumes läuft in einem leider zu hellen Raum ein von Florian Wüst kuratiertes Filmprogramm. Ein paar Reliquien einzelner Bands stehen verloren im Raum.

Was ich mir von dieser Ausstellung erwartet habe, war auch eine Auseinandersetzung mit dem politischen Potential dieser Bands, die vor dem Hintergrund von RAF, Rasterfahndung und der Mauer agierten – Aspekte, die nur durchschimmern. Das verwundert besonders, da die Schau zu Beginn des Jahres schon in Minsk gezeigt wurde. Gerade dort würde eine Kontextualisierung mit diesen deutschen Themen Sinn ergeben. Ebenso fehlt die Konfrontation mit zeitgenössischen Formen des Dilettantismus. Die Plakat-Aufforderung von Die tödliche Doris aus dem Foyer, die A-Seiten zweier Alben parallel abzuspielen, um eine dritte Platte entstehen zu lassen, verhallt im Nichts. Hier gibt es keine Experimente, keine Störung der musealen Ruhe.

„Von allen Dingen auf der Erde,
die es gibt und geben darf,
weiß ich eines völlig sicher,
was war es gleich, grad wußt ich's noch?“'
Der Plan, Gummitwist, 1984

Geniale Dilletanten: Subkultur der 1980er Jahre in Deutschland.
Haus der Kunst
Prinzregentenstr. 1, München.
Öffnungszeiten: Montag bis Sonntag 10.00 bis 20.00 Uhr, Donnerstag 10.00 bis 22.00 Uhr.
Bis 11. Oktober 2015.
Der Katalog zur Ausstellung ist im Hatje Cantz Verlag erschienen, Ostfildern 2015, 160 S., 24 Euro / ca. 39.90 Franken.

 




Haus der Kunst München