31/08/15

Solo für 11

Der Brite Haroon Mirza komponiert im Museum Tinguely mit Elektrizität und kunsthistorischen Referenzen

von Dietrich Roeschmann
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Haroon Mirza, A chamber for Horwitz; Sonokinatography Transcriptions in Surround Sound, 2015, based on works by Channa Horwitz, © Museum Tinguely, Basel, Foto: Bettina Matthiessen
Unter den Bäumen im Basler Solitude-Park tuscheln zwei marmorne Deko-Objekte miteinander, die aussehen, als hätten hier ein paar Aliens ihre Fehlkäufe aus dem Garten-Center entsorgt. Die polierten Schnittflächen der  Mono­lithe zieren rote und grüne LED-Bänder, die wie Intarsien in den Stein eingelassen sind. Synchron zum nervösen Flackern der Lämpchen dringt aus dem Innern ein technoides Zischen und Flöten wie beim Einwählen ins Internet per 54K-Modem. Ein wuchtiges Solarpanel, das in einem der Objekte steckt, liefert den Strom. Für Haroon Mirza (*1977) sind diese „Standing Stones” eine Premiere. Bislang arbeitete der Londoner Künstler ausschließlich für den Innenraum. Anlässlich seiner Soloschau im benachbarten Museum Tinguely konzipierte er nun gemeinsam mit dem italienischen Bildhauer Mattia Bosco (*1976) seine erste Outdoor-Arbeit. Dass sie ein bisschen aussieht wie der Stonehenge-Nachbau eines Elektrofricklers, ist kein Zufall. Was Mirza interessiert, ist die Übersetzung nichtstofflicher Energieströme in Licht und Sound. Sein Medium ist die Elektrizität, die er – oft von der Sonne generiert – in seinen Installationen hörbar und sichtbar macht, sein Vorgehen das eines Komponisten mit Liebe zum Unkalkulierbaren.

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Mattia Bosco und Haroon Mirza, Standing Stones, 2015, © Museum Tinguely, Foto: Bettina Matthiessen
Ein schönes Beispiel dafür bietet die Installation „An_Infinato” (2009). Vor einem wandhohen, dunkelgrün gezackten Schaumstoffrelief sprudelt hier in einem von innen beleuchteten Blech­eimer ein kleiner Brunnen vor sich hin. Darüber balanciert ein Casio-Keyboard, aus dessen Bauch elektronische Eingeweide baumeln. Jeder Wassertropfen, der auf den blanken Platinen niedergeht, erzeugt ein kurzes, heiseres Pianoklimpern, das sich im Raum mit dem Sound flatternder Fledermäuse aus Jeremy Dellers Videoarbeit „Memory Bucket” und der Tonspur eines aus Schnittabfall montierten 16mm-Films von Guy Sherwin vermischt, die Mirza dazu im Endlos-Loop zeigt. Zwischen den schalldicht gepolsterten Wänden wirkt dieses Ensemble aus Monitor, Projektor und Blecheimer wie eine bizarre Band im Proberaum auf der Suche nach dem spezifischen Sound, den das Zusammenspiel bestimmter kunst- und kulturhistorischer Referenzen mit Mirzas eigener Arbeit hervorbringt. Tatsächlich beruhen die meisten seiner Installationen und Skulpturen, die in Basel zu sehen sind, auf solchen Synergien, weshalb es irreführend wäre, hier von einer Einzelausstellung im herkömmlichen Sinn zu sprechen. Eher präsentiert die Schau Mirzas Werk als raumgreifende Reflexion über die Kontexte, aus denen es entsteht – als Komposition von Bezügen. Nicht zufällig sind so neben und mit seinen eigenen Arbeiten auch Werke von zehn weiteren Künstlerinnen und Künstlern versammelt, darunter etwa eine Reihe von großformatigen Zeichnungen der Amerikanerin Channa Horwitz (1932-2013), die in den Sechzigern ein eigenes Notationssystem für die Visualisierung von Zeit, Rhythmus und Bewegung entwickelt hatte. Für seine Rauminstallation „A Chamber for Horwitz“ (2015) übersetzte Mirza dieses per simplem Computerprogramm in eine clubtaugliche Lichtdramaturgie, die nun getrieben wird vom pochenden, körperlich intensiv erfahrbaren Dröhnen der Stromimpulse, die die einzelnen Dioden zum Leuchten bringen.

Dass es Mirza dabei um mehr geht als um spektaluäre synästhetische Effekte, führt exemplarisch die Installation „Pavilion for Optimisation” (2013/2015) vor, eine fensterlose Kammer mit grellweiß lackierten Wänden, an denen in unregelmäßigen Abständen ein von ohrenbetäubendem Zischen begleiteter LED-Blitz aufscheint. Die Klangquellen dieser Arbeit – Jean Tinguelys „Radio-Skulpturen” aus den frühen Sechzigern und ein Duschkopf, aus dem Wasser in einen Plas­tikeimer spritzt – verteilen sich im gesamten Museum. Was beim Verlassen des „Pavilion” auf der Netzhaut und in den Ohren tanzt, erweist sich so als Nachbild und Echo der durch Licht und Sound erfahrbar gemachten Resonanzräume, die Mirza in Basel zugleich eröffnet und bespielt.        

 

Haroon Mirza: hrm199 Ltd.
Museum Tinguely
Paul-Sacher-Anlage 1, Basel.
Öffnungszeiten: Dienstag bis Sonntag 11.00 bis 18.00 Uhr.
Bis 6. September 2015.
Der Katalog zur Ausstellung ist im Snoeck Verlag erschienen, Köln 2015, 408 S., 58 Euro | 74 Franken.

 

 

 




Museum Tinguely