27/08/15

In der Denkfalle

Der britische Künstler Martin Creed erweist sich in Heilbronn als Regisseur des Chaos

von Leonore Welzin
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Martin Creed, Work No. 1094, 20144, courtesy Martin Creed, Hauser & Wirth

Fragt man Martin Creed (*1968) nach seinem Werk, gibt er sich verdächtig bescheiden: „Ich würde mich nicht Konzeptkünstler nennen, weiß nicht mal, ob das Kunst ist“. Dabei hat Creed 2001 den Turner-Preis bekommen. Karierte Hose, Karo-Hut und ein graues Jackett, an dem ein Knopf fehlt  –  ein bisschen Sherlock Holmes, ein bisschen Tramp – spielt der Schotte bei der Eröffnung seiner Heilbronner Ausstellung nicht nur gekonnt mit seinem Image, sondern auch Gitarre. Dazu singt er „I’m a victim“ oder „Trying to get to sleep I always asked my mom, where you gonna be mom?“, Zeilen seines Songs „Think trap“ („Denkfalle“), in die er hin und wieder gerate, wie er sagt.

Creed ein Opfer, ein Schlafloser, gar ein Müttersöhnchen? Der klampfende Barde in der großen, weiten Welt der zeitgenössischen Kunst rollt den Kunstmarkt von der performativen Seite auf. Auf kein Medium festgelegt operiert und experimentiert er mit Bildern, Objekten, Installationen, Video und Film. Der Betrachter wird zum Regisseur seines eigenen Ausstellungsparcours. Er kann sich in einem Raum niederlassen, um einen Film anzuschauen, in dem sich zwei Hunde quer durch ein Studio bewegen: Sharky, der Gewitzte, trippelt in flottem Tempo, Orson, das Gefühlstier, schlendert gemach durchs Bild. Eigentlich nichts Besonderes, wäre da nicht die raffinierte Ausleuchtung des weißen Studios, die jede Räumlichkeit zum Verschwinden bringt. Und auf Seiten des Betrachters der zum Kino verwandelte dunkle Museumssaal, vor dessen Leinwand andere Besucher den Raum in den gleichen Richtungen wie die Hunde im Film durchqueren und so, nolens volens zum Teil des Films werden.

Noch stärker involviert ein Saal, dessen untere Hälfte mit Luftballons gefüllt ist. Der Betrachter wird zum Akteur, indem er sich durch die 1600 aufgeblasenen 24-Inch-Ballons kämpft. Während sich Kinder unbefangen und mit Elan in das Bad aus Ballons stürzen und in Kauf nehmen, dass der eine oder andere Luftballon zerknallt, antizipieren Erwachsene Wenn und Aber: „Da kriegt man ja Platzangst!“, sagt jemand. Eine Besucherin findet es hingegen „witzig“ und tastet sich vorsichtig durch diese begehbare Metapher unseres gleichsam bunten, wie bedrängenden Überflusses, der uns teils hilflos, teils orientierungslos macht. Ein Ort, der zunächst freundlich erscheint, der sich dann aber als Übungsfeld im Umgang mit der Überfülle entpuppt.

Creed vergleicht das alltägliche Chaos mit den Urwald. „Wenn du an den Dschungel denkst, mit all seinen wilden Tieren, läufst du dort Gefahr getötet zu werden. Aber wenn du einen Zaun zwischen dich und die Welt ziehst, kannst du auch einen Blick in den Dschungel werfen, ohne getötet zu werden.“ Ein Schelm, wer bei diesem Vergleich an Raubtierkapitalismus denkt. Sein Schutzwall ist die Kunst und diese Klaviatur beherrscht Martin Creed meisterlich. Spielerisch jongliert er mit Zwei- und Drei-Dimensionalem. Einfachste Fingerübung: Ein DIN-A4 Blatt zusammenknüllen, die Kugel auf einem Sockel, quasi als Prototyp einer Skulptur präsentieren. Dem Chaos Paroli bieten, in dem Tische, Stühle und Bretter, auch Banales wie tausende von Küchenpapier- und Toilettenpapier-Rollen gestapelt werden.

Es sei ein Luxus, die drei Etagen der Kunsthalle Vogelmann bespielen zu können, sagt Creed zu seiner ersten Einzelausstellung in Deutschland. Eine Botschaft habe er ebenso wenig, wie seine Arbeiten Titel, nur Nummern. Allerdings ohne die Nummer eins: „Als ich mit dem Nummerieren begann, ging ich zurück, nummerierte alte Werke. Ich hatte das Gefühl, es gibt keine Nummer eins, die Nummer eins wäre zu wichtig in der Hierarchie. Sobald du eine Nummer eins hast, gibt es nichts Gleichwertiges mehr“.      

Martin Creed.
Kunstverein Heilbronn und Kunsthalle Vogelmann
Allee 28, Heilbronn.
Öffnungszeiten: Dienstag, Mittwoch, Freitag bis Sonntag 11.00 bis 17.00 Uhr, Donnerstag 11.00 bis 19.00 Uhr.
Bis 20. September 2015.

 

 




Kunsthalle Vogelmann