31/05/12

Abwesenheit von Sinn

Das ZKM Medienmuseum Karlsruhe zeigt eine Retrospektive des "Artists" Dieter Meier.

von Dietrich Roeschmann
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Großes Tam-Tam im Zürcher Hauptbahnhof: Schaulustige drängeln sich vor einem roten Teppich, auf dem eine Schwebebalken-artige Edelholzkonstruktion mit einer langen Kerbe steht. Zwei Diener rauschen herbei: Samthandschuhe, Frack, ernste Mienen. Vorsichtig öffnen sie eine Glasvitrine, darin eine goldene Kugel, faustgroß. Am Rednerpult nebenan gibt ein drahtiger Gentleman das Zeichen zum Start eines „denkbar unbedeutenden Ereignisses“. Und das geht so: Die Diener heben die Goldkugel aus der Vitrine auf den Balken und lassen sie die leicht abschüssige Kerbe hinab rollen. Nach 13 Metern ist sie im Ziel. Die Menschen jubeln und klatschen wie verrückt. Warum? Wahrscheinlich freuen sie sich einfach nur, zur richtigen Zeit am richtigen Ort gewesen zu sein, um ein paar Sekunden ihrer Lebenszeit an eine von Dieter Meiers berühmten Inszenierungen der Abwesenheit von Sinn verschwenden zu dürfen.

Dieter Meier, 1945 in Zürich geboren, ist Konzept­küns­tler und Schriftsteller, betreibt nebenbei eine Biolandwirtschaft in Argen­tinien, baut Wein an und entwirft Uhren. Die größte Reichweite allerdings dürfte der „Artist“, wie sich der Allrounder schlicht selbst nennt, als Sänger des legendären Pop-Duos YELLO gehabt haben. In den Achtzigern gehörte YELLO zu den erfolgreichsten und experimentierfreudigsten Electro-Bands im deutschsprachigen Raum. Aber was heißt schon „Band“? Tatsächlich begriffen Meier und Boris Blank ihr audiovisuelles Unternehmen YELLO immer als Kunstprojekt. Zu Recht, wie die wunderbare Retrospektive der Arbeiten von Dieter Meier im ZKM Karlsruhe jetzt zeigt: In den Musikvideos des Duos ist der Einfluss jener Mischung aus Hobby-Bastlertum, dadaistischem Humor und High-Tech-Kompetenz, die Dieter Meiers Werk prägt, unübersehbar. Die unförmigen Knetfiguren etwa, die das Video zu „Pinball Cha Cha“ von 1982 bevölkern, stammen eigentlich aus Dieter Meiers Serie „Lost Sculptures“ von 1975, mit denen er die Erweiterung des Skulpturbegriffs durch handgeknetete, dem Zufall geschuldete Formunfälle erprobte. Die wiederum wirken heute so aktuell, dass man fast glaubt, darin Vorlagen für Urs Fischers schwebende Monster-Knetlinge oder Ugo Rondinones „Diary of Clouds“ zu erkennen. Großartig auch die Versuchsanordnungen mit Topfblume, Betonträger, Seidenpapier und Metallic-Farbpalette, die die junge Bice Curiger in der Slapstick-Fotoserie „Behind Flowers“ (1976) für Meiers Kamera performt. Auf lakonische Weise verdichtet sich darin das absurde situationistische Sinn- und Zeitmanagment, mit dem Meier sein Publikum seit den späten Sechzigern verwirrte und verzauberte: Sei es, indem er auf dem Helvetiaplatz Schrauben zählte, den Menschen ein „Ja“ oder „Nein“ abkaufte und ihnen dafür Quittungen ausstellte oder – wie zuletzt – eine goldene Kugel ein Holz hinabrollen ließ. Einfach so.

Dieter Meier. Works 1969-2011 and the YELLO Years.
ZKM Medienmuseum

Lorenzstr. 19, Karlsruhe.

Öffnungszeiten: Mittwoch bis Freitag 10.00 bis 18.00 Uhr, Samstag und Sonntag 11.00 bis 18.00 Uhr.
Bis 19. August 2012.
ZKM