25/08/15

Zurück zur Natur!

Das Kunstmuseum Ravensburg widmet sich den Verschmelzungsfantasien von Mensch und Flora in der Kunst

von Florian Weiland
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Yoan Capote, Migrants, 2013, Ben Brown Fine Arts, London und Hong Kong, Foto: Gar Powell-Evans
Er will sie. Um jeden Preis. Von Amors Pfeil getroffen, hat sich Apoll unsterblich in Daphne verliebt. Doch die Bergnymphe flieht vor ihm. Als ihre Kräfte schwinden, bittet sie ihren Vater, ihr eine weniger reizvolle Gestalt zu geben, damit Apoll von ihr ablässt. Daraufhin erstarren ihre Glieder und Daphne verwandelt sich in einen Lorbeerbaum. „Ich bin eine Pflanze“ heißt die Sommerausstellung im Kunstmuseum Ravensburg, in der der antike Mythos von Apoll und Daphne als eines der zentralen Motive vorgestellt wird, das Künstler über Jahrhunderte hinweg immer wieder aufgriffen. In Ravensburg ist unter anderem ein alter Kupferstich zu sehen – vergrößert auch zu einem riesigen Wandteiler. Ganz flüchtig skizziert dagegen André Masson darauf die bedrängte Nymphe. Die deutsch-türkische Performancekünstlerin Nezaket Ekici dagegen wagt eine ironische Neudeutung und setzt sich selber als menschlichen Kaktus in Szene.

Die Natur wurde vom Menschen lange Zeit ausgebeutet. Gewinn und Nutzen standen im Vordergrund. Inzwischen hat ein Umdenken eingesetzt. Der Naturschutz hat sich durchgesetzt. Das neue Ziel sei ein „partnerschaftliches Verhältnis“ zur Tier- und Pflanzenwelt, wie es Nicole Fritz, Museumsdirektorin und Kuratorin der Schau, formuliert. Und gerade die Künstler hätten schon immer die Vorreiterrolle für ein solches empathisches Naturverhältnis übernommen. Beispiele von der mittelalterlichen Buchillustration bis zur Gegenwartskunst sollen diese These untermauern. Tatsächlich gibt es viel zu sehen in dieser Ausstellung. Insgesamt 80 Arbeiten von rund 30 Künstlerinnen und Künstlern, darunter Landschaftsbilder von Paula Modersohn-Becker, Blumenaquarelle von Emil Nolde und ein nacktes Mädchen von Otto Mueller, das mit den Bäumen, unter denen es steht, zu verschmelzen scheint. Die Künstler beginnen in der freien Natur zu malen und sich körperlich und meditativ in sie einzufühlen. Blumen und Bäume werden zur idealen Projektionsfläche. Max Ernst arbeitet mittels der Durchreibetechnik direkt mit den in der Natur vorgefundenen Materialien. Ähnlich setzt auch der Niederländer Herman de Vries auf die Mitwirkung der Natur. Sei es bei seinen Erdausreibungen oder indem er zufällig herabfallende Blätter archiviert. Mensch und Natur werden eins in einer surrealen Zeichnung von Salvador Dalí. Mit Joseph Beuys bekommen die Kunst und der Ruf „Zurück zur Natur!“ eine politische Note.

Es ist eine gefällige Auswahl, unter der sich einige herausragende Arbeiten – etwa ein großformatiges Gemälde von Richard Oelze mit einer sehr intimen inneren Landschaft – finden. Auch Experimentelles wie Fotocollagen und Rayogramme von Birgit Jürgenssen sind dabei. In der Abteilung Gegenwartskunst, der eine ganze Etage eingeräumt wird, kommt dann auch der Humor nicht zu kurz. Stephan Balkenhols „Rosenkavalier“ zeigt eine menschliche Figur mit einer Rose als Kopf, Yoan Capote hat zwei gewaltige kahle Baumstämme in den Museumsraum gelegt, aus denen menschliche Füße wachsen. Diese Installation hat einen ernsten Hintergrund. Die Künstlerin verweist mit den entwurzelten Bäumen auf ihr eigenes Migrantenschicksal.

Als Höhepunkt der Ausstellung aber darf ein Gemälde von Paul Gauguin gelten. Der französische Künstler hat es in Erinnerung an seinen verstorbenen Freund Vincent van Gogh gemalt. Doch es ist kein Portrait, zumindest kein herkömmliches. Auf dem Stuhl hat nicht van Gogh Platz genommen, stattdessen liegt dort ein Bündel Sonnenblumen. Jene Blumen, die so typisch für das Werk des niederländischen Künstlers sind. Bei Gauguin werden die Sonnenblumen zu Stellvertretern des Verstorbenen. Mensch und Natur sind hier wirklich eins geworden.      

Ich bin eine Pflanze
Kunstmuseum Ravensburg
Burgstr. 9, Ravensburg.
Öffnungszeiten: Dienstag bis Sonntag 11.00 bis 18.00 Uhr, Donnerstag 11.00 bis 19.00 Uhr.
Bis 8. November 2015.
Der Katalog zur Ausstellung ist im Kerber Verlag erschienen, Bielefeld / Berlin 2015, 152 S., 36 Euro / ca. 46.90 Franken.

 

 




Kunstmuseum Ravensburg