24/08/15

Freier Blick auf die Mona Lisa

Das Münchner Lenbachhaus lädt zu einer Wiederentdeckung von Lea Lublin

von Roberta De Righi
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Ausstellungsansicht, Foto: Lenbachhaus, Städtische Galerie im Lenbachhaus und Kunstbau, München
Die „Mona Lisa“ mit Scheibenwischern ist im Grunde so zwingend, dass man sich wundert, warum die interaktive Installation und kritische Würdigung nicht längst neben dem Original im Louvre hängt. Ein humorvoll-kathartischer Akt wider die Blindheit mit offenen Augen, den Millionen Schaulustige nötig hätten. Die Arbeit „Klar Sehen“ stammt von der argentinisch-französischen Künstlerin Lea Lublin (1929-1999), der nun das Münchner Lenbachhaus im Kunstbau eine erste große, von Stephanie Weber kuratierte Retrospektive widmet. Ein aufwändiges Projekt, da der gesamte Nachlass nach München gebracht, restauriert und bearbeitet wurde. Zu Lebzeiten war die auch politisch hellwache Konzept-Künstlerin vor allem in Lateinamerika sehr anerkannt, hier ist sie in Vergessenheit geraten. Dabei nahm Lea Lublin wesentliche Ansätze der Gegenwartskunst vorweg.

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Lea Lublin, Voir clair, La Giaconda aux essuie-glaces, 1965, Foto: Lenbachhaus, Städtische Galerie und Kunstbau, München, courtesy Estate of the artist/Collection Nicolas Lublin
Die Kunst dieser energiegeladenen, zierlichen Frau war radikal, selbstbewusst, und avantgardistisch – und zugleich kritische Reflexion der von Männern gemachten Kunstgeschichte. „Ist das Sexualorgan ein Auge?“, fragte sie 1977. Das Faszinierende ist dabei nicht zuletzt ihre Vielseitigkeit: Sie begann als Malerin, sprengte aber bald Genregrenzen: Die Verbildlichung kunsttheoretischer Erkenntnisse war eine ihrer Stärken, zugleich setzte sie auf sinnliches Erleben, erfand Environments, die zum Riechen, Hören und Mitmachen einluden: Etwa durch eine Art riesigen Geburtskanal aus durchsichtigem Plastik zu kriechen („Penetración/Expulsión“, 1970).
Eine ihrer frühen, provokanten Performances fand 1968 im Pariser Musée de l’Art moderne de la Ville statt. Dort zog sie für die Dauer der Ausstellung mit ihrem sieben Monate alten Sohn Nicolas ein, stellte sein Gitterbettchen auf, drapierte ein paar Häschen an der Wand, ließ sich fortan beim Mutter-Sein zuschauen und diskutierte mit den Besuchern. Lea Lublin ging wie viele Kollegen und Kolleginnen damals auf die Straße und war eine der ersten, die in den 70er Jahren Museumsbesucher und Passanten vor der Kamera zur Kunst oder der Rolle der Frau befragten. Und die Menschen öffneten sich, diskutierten, ob auf dem Marktplatz einer deutschen Kleinstadt oder unter einer Seine-Brücke.
Zu den weniger prägnanten Arbeiten gehört die Auseinandersetzung mit dem Gottvater des Readymade, Marcel Duchamp. Wie eine Detektivin begab sie sich auf Spurensuche in Buenos Aires, wo er eine Weile gelebt hatte. Doch Lublins Replik auf Malewitschs Idee der Befreiung der Kunst von der Gegenständlichkeit („Madonnen und schamlose Venus-Figuren“) und der Reduktion auf ein reines (langweiliges!) schwarzes Quadrat blitzt vor scharfsinniger Ironie: Jetzt sollen auch noch die letzten Frauen aus der Kunst geworfen werden!
Die Dekonstruktion im kämpferisch-wachen Geiste des Feminismus und der Psychoanalyse zeigt sich nicht zuletzt in „R.S.I – Dürer, del Sarto, Parmigianino“ von 1983: Hier seziert sie mit den Mitteln der Bildanalyse die Beziehung zwischen Maria und dem nackten Jesusknaben als ödipal. Kombiniert sind die fragmentierten Renaissance-Gemälde kongenial mit Formen in Rot, Gelb, Blau, Weiß und Schwarz ‒ eine Attacke auf die männlichen Heroen der Abstraktion. Die Dekonstruktion treibt Lublin zudem in der Bearbeitung von Artemisia Gentileschis „Judith und Holofernes“ auf die Spitze: In vier Schritten wird durch Lublins Feder unter Beibehaltung der Grundlinien mit wenigen Veränderungen aus der Enthauptung des Feldherrn Penetration, Kastration und sogar eine Geburt.
Die Konfrontation mit Lea Lublins überraschendem Werk im Rahmen dieser vielfältigen Schau ist aber auch für männliche Besucher völlig ungefährlich.

Lea Lublin. Retrosective
Lenbachhaus
Luisenstr. 33, München.
Öffnungszeiten: Dienstag 10.00 bis 21.00 Uhr, Mittwoch bis Sonntag 10.00 bis 18.00 Uhr.
Bis 13. September 2015.
Im Snoeck-Verlag ist ein Katalog erschienen, 354 S., 32 Euro, ca 48.40 Franken.




Lenbachhaus