21/08/15

Mit expressiver Geste

Das Kunsthaus Bregenz erinnert an Leben und Werk von Joan Mitchell, einer hierzulande wenig bekannten Vertreterin des Abstrakten Expressionismus

von Florian Weiland
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Joan Mitchell, Retrospective. Her Life and Paintings, Foto: Markus Tretter, © courtesy of the Joan Mitchell Foundation und Kunsthaus Bregenz
Sie rauchte, trank und fluchte wie ein Kerl. Joan Mitchell führte ein exzessives, rücksichtsloses Leben. Auch in sexueller Hinsicht. Berühmt-berüchtigt auch ihr ruppiger Ton und ihre oft abweisende Art. Von ihren männlichen Künstlerkollegen war man so etwas gewohnt – aber von einer Frau? In den 1950er Jahren wurde die Kunstszene von Männern dominiert. Und auch heute ist Joan Mitchell (1925-1992) außerhalb Amerikas wenig bekannt. Zu Unrecht, denn ihr malerisches Werk steht einem Jackson Pollock oder einem Willem de Kooning, den bekanntesten Vertretern des Abstrakten Expressionismus, in nichts nach. Davon kann man sich nun im Kunsthaus Bregenz selber ein Bild machen. Knapp 30 ihrer Arbeiten werden gezeigt. Mitchell liebte das Großformat.  Ihre Bilder – manche messen mehr als sieben Meter – sind von Anfang an für eine Präsentation im Museum gedacht gewesen. Nur dort haben sie den Raum, sich zu entfalten. Die grauen nackten Betonwände des Kunsthauses vermögen es sogar, den ästhetischen Reiz ihren abstrakten Kompositionen noch zu steigern. Ein unerwarteter Nebeneffekt.

Wer war Joan Mitchell? Antworten liefern reich bestückte Vitrinen im Eingangsbereich. Sie erzählen von einem armen reichen Mädchen. Die Ausstellung beginnt damit direkt im Foyer, das in den letzten Jahren der experimentellen KUB-Arena vorbehalten blieb. Briefe, Einladungskarten, Fotografien und Skizzenbücher, aber auch ein Fernsehinterview lassen die Künstlerin lebendig werden. Wir lesen von ihren engen Beziehungen zu Literaten wie Paul Auster oder Samuel Beckett und erfahren, dass sie auch als Eiskunstläuferin Karriere machte. Die Ausstellung legt erstaunlich großen Wert auf diese biografischen Bezüge. Unbedingt notwendig sind sie nicht. Mitchells Bilder könnten ebenso gut für sich stehen. Ihre unbändige Kraft fasziniert und überwältigt auch den heutigen Betrachter. Freilich darf spekuliert werden, was es für eine Künstlerin bedeutet, aus einer reichen Familie zu stammen, gegen die sie mit aller Kraft rebellierte, und ob die raue Schale, die sie sich in späteren Jahren angelegt hat, nicht auch eine Art Selbstschutz war. Schutz, um in der künstlerischen Macho-Welt der 1950er- und 60er-Jahre bestehen zu können.

Die Ausstellung ist streng chronologisch gehängt, so dass sich die Entwicklung von Mitchells Werk gut nachvollziehen lässt. Ihre abstrakten Kompositionen zeichnen sich zunächst durch ihre ungeheure Dichte aus. Die Linien tauchen mal vereinzelt, mal, zumindest im Ansatz zur Farbfläche verdichtet auf. Bewegung entsteht. Mit der Zeit nimmt sich Mitchell immer mehr Freiheiten. Ganze Partien der Leinwand bleiben weiß. Wild und ungestüm dagegen die Pinselstriche. Herunterlaufende Schlieren und Tropfen verraten, wie zügig die Farben aufgetragen wurden. Emotion und Spontaneität stehen im Vordergrund.

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Joan Mitchell, o.T., 1961, © Nachlass Joan Mitchell, Sammlung der Joan Mitchell Foundation
Joan Mitchell malt abstrakt. Und doch leuchten immer wieder vage Assoziationen zu konkreten Motiven auf, nicht zuletzt befördert durch die Bildtitel. Schließlich werden die Bezüge zu realen Landschaften unverkennbar. Dieser Wandel fällt mit dem Umzug der Künstlerin nach Frankreich zusammen. Das Diptychon „Sunflowers“ verweist auf Van Gogh, eine Serie mehrteiliger großer Panoramen auf Monets Seerosenbilder. Aus der Abstrakten Expressionistin scheint eine Abstrakte Impressionistin geworden zu sein. Kann es da noch ein Zufall sein, dass sich Mitchell ein Atelier im französischen Dorf Vétheuil einrichtet, jenem Ort, an dem auch Monet zeitweise lebte?

Joan Mitchell. Retrospective. Her Life and Paintings
Kunsthaus Bregenz
Karl-Tizian-Platz, Bregenz.
Öffnungszeiten:Dienstag bis Sonntag 10.00 bis 18.00 Uhr, Donnerstag 10.00 bis 21.00 Uhr.
Bis 25. Oktober 2015.

 

 




Kunsthaus Bregenz