20/08/15

Die Sicht der Zukunft auf die Gegenwart

Im Kunstmuseum St. Gallen belebt der Ire Gerard Byrne intellektuelle Debatten der Vergangenheit wieder

von Yvonne Ziegler
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Gerard Byrne, Installationsansicht Kunstmuseum St. Gallen, Foto: Stefan Rohner
Ein Augusttag in Mexiko 2013. Was zuvor geschah hat Gerard Byrne (*1969) in einer Schwarz-Weiß-Aufnahme eines Zeitungskiosks dokumentiert. Es lässt sich auf den Titeln der Blätter ablesen, von denen nicht wenige mit der gleichen Geschichte aufmachen. Die journalistische Sicht auf die Welt liegt unverbunden neben Roman- und Sexheftchen. Die Fotografie „One year ten months and eleven days ago“ findet sich am Anfang von Byrnes Ausstellung in St. Gallen „A Late Evening in the Future“. Das Interesse des irischen Künstlers gilt den medialen Konstruktionen von historisch bedeutsamen Momenten, dem Glauben an den Wahrheitsgehalt der Fotografie und den gesellschaftlichen Debatten über Moderne und Zukunft. Byrne schafft dabei Orte der Immersion und Reflexion. Die exzellente, auf den Betrachter ausgerichtete Ausstellungschoreografie im Kunstmuseum St. Gallen vernetzt Gegenwart und Vergangenheit, Hier und Dort sowie Realität und Fiktion in vielschichtigen aufeinander bezogenen Videoinstallationen. Byrne weiß für die Besonderheiten des Medialen zu sensibilisieren, so begegnet man auch der Aufnahme eines von Darstellern gespielten fiktiven Interviews, das 1980 als Werbeanzeige für das neue Chrysler-Luxusmodell im Magazin „National Geographic“ geschaltet war. Byrne erweckt das nie stattgefundene machohafte Gespräch zwischen Frank Sinatra und Lee Iacocca, dem damaligen CEO von Chrysler, zum Leben und verlagert es zum Kontrast in eine heruntergekommene Industriearchitektur.

Byrnes Videoarbeiten zeigen zumeist Gespräche, die durch die Brillanz von Sprache, Schauspiel und Inszenierung in den Bann ziehen. Ihre Brüche regen zum Nachdenken über die Konstruktion von Narration an. Als Textquellen dienen ihm Debatten aus dem „Playboy“, wo sich beispielsweise 1963 Science Fiction-Autoren zu George Orwells dystopischen Roman „1984“ äußerten, ein im „Nouvel Observateur“ erschienenes Interview mit Jean-Paul Sartre über das Thema Frauen aus dem Jahr 1977 oder verschiedene Texte zur Kunst wie etwa Michael Frieds berühmter Verriss der Minimal Art von 1967. Irritationen finden sich auch auf der installativen Ebene. Auf übereinander gestapelten Monitoren sind jeweils nur Teilausschnitte eines Videos zu sehen. Beginnt ein Video, so verlöschen die Screens in den anderen Räumen. Anderswo werden unterschiedliche Perspektiven auf eine Gesprächssituation auf den Monitoren gezeigt. „Es hat mich stets interessiert, Videoarbeiten zu realisieren, die irgendwie nicht vollständig konsumiert werden können. [...] Ich produziere mehrfache Bearbeitungen desselben Materials und spiele mit den Strukturen, mit denen diese Edits in den Ausstellungsraum übertragen werden“, sagt Gerard Byrne. Die auf der Documenta 13 in einem ehemaligen Ballsaal installierte Arbeit „A man and a woman make love“, die auf einer 1928 in der Zeitschrift „La Révolution surréaliste“ veröffentlichten Debatte beruht, ist in St. Gallen auf schräg stehenden skulpturalen Wandobjekten zu sehen. Das architektonische Element ist auch in Byrnes Videos präsent, wenn er Schauspieler die sexuellen Erfahrungen von Studierenden in der brutalistischen Architektur der University of Leeds einsprechen lässt.

Byrne gelingt es, durch Rückgriffe auf ehemals wichtige Debatten die Sicht einer zukünftigen Zeit auf uns zu richten. So naiv manche Aussage uns im Nachhinein erscheinen mag, so absurd mancher Traum sich ausnimmt, so sehr sind auch wir in den Vorstellungen unserer Gegenwart gefangen. Auf überzeugende Weise paart der Künstler ästhetische Qualität mit gedanklicher Vielschichtigkeit und bereitet dabei nicht zuletzt intellektuelles Vergnügen.

 

Gerard Byrne. A Late Evening in the Future.
Kunstmuseum St. Gallen
Museumsstr. 32, St. Gallen.
Öffnugnszeiten: Dienstag bis Sonntag 10.00 bis 17.00 Uhr, Mittwoch 10.00 bis 20.00 Uhr.
Bis 13. September 2015.

 




Kunstmuseum St. Gallen