18/08/15

Role-Modell einer Ausstellung

In der Kunsthalle Bern beginnt Valérie Knoll ihre Amtszeit mit einem Statement für das vermeintlich Widerständige

von Annette Hoffmann

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Mathis Altmann, Sucker Farm (The Convention), 2015, Kunsthalle Bern, 2015, Detail

Wenn man einen Ausstellungstitel auch übererfüllen kann, dann dürfte Valérie Knoll dies in der Kunsthalle Bern mit Bravour gelungen sein. Die Gruppenschau „Raw and Delirious“, mit der die neue Leiterin ihren Programmeinstand gegeben hat, birst aus allen Nähten und nicht etwa weil elf Künstlerinnen und Künstler an ihr beteiligt sind. Wer derzeit die Kunsthalle Bern betritt, wird – entgegen der Logik der Kunsthallenarchitektur – in den großen Saal gezogen. Das liegt auch an der Popmusik aus den 70er Jahren, die in die umliegenden Räume schallt, vor allem jedoch an der Überwältigung, die Julie Verhoevens Videoinstallation „Phlegm & Fluff“ auslöst. Auf drei Projektionswänden laufen trashige Bilder weiblicher Selbst- und Fremdinszenierung. Teebeutel baumeln an Brüsten und werden mit Wasser aufgegossen, eine Braut, vor allem mit einem weißen Schleier bekleidet, scheint einen besonders skurrilen Junggesellinnenabend mit sich selbst zu feiern, Höschen aller Art sind zu sehen und einmal geht die Darstellerin auf alle Viere und stellt Allen Jones‘ misogyne Möbel nach mit einer Schachtel Kosmetiktüchern auf dem Rücken. Im Raum selbst sind auf dem Boden Requisiten aus dem Video aufgehäuft: Erbsen, ein Toilettensitz auf einem Campingstuhl, sehr viel Toilettenutensilien. So gesehen ließe sich der Titel der in diesem Jahr entstandenen Arbeit vielleicht sogar mit „Schleim & Flaum“ übersetzen. Es ist eine Zurschaustellung des weiblichen Körpers und seiner Sexualität, die gleichermaßen selbstbestimmt wie auch pubertär wirkt und sich einer ästhetischen Antihaltung bedient, die durchaus feministisch ist. Dabei ist Julie Verhoeven (*1969) eigentlich Modedesignerin, sie hat für Luis Vuitton und Versace entworfen und lange Jahre vor allem im angewandten Bereich gearbeitet. Jetzt, so scheint es, entblößt sie die Klischees. Ihren Antipoden findet diese Arbeit im Untergeschoss in der so selbstironischen wie witzigen Diaschau „Am kühlen Tisch“, in der Amélie von Wulffen (*1966) Zeichnungen zu einem roh belassenen Comicstrip verbunden hat. Er erzählt von einem Traum der Künstlerin, der sporadisch begleitet von ihrem Idol Goya zu den Abgründen einer Midcareer-Künstlerinnenexistenz führt. Schon ziemlich resigniert angesichts schwindender Attraktivität als Frau und Bedeutung als Künstlerin in der Szene insistiert die Protagonistin mit komischer Verzweiflung Role-Model für junge Künstlerin zu sein, schläft aus Opportunismus mit einem Kunsthändler, vergisst eine Ausstellung zu hängen und wird von arbeitsamen Stipendiaten kühl abserviert.

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Leidy Churchman, Painting Treatments no. 1 & no. 2, 2010, Kunsthalle Bern, 2015, Installationsansicht

Es dürfte kein Zufall sein, dass mit vier weiteren Künstlerinnen (Michaela Eichwald, Ida Ekblad, Ellen Gronemeyer und Marlie Mul) der Frauenanteil an „Raw & Delirious“ hoch ist. Die Ausstellung hat programmatische Züge, wirkt aber nicht wie ein sauber geordneter Essay, sondern hat sich eher Verhoevens Ästhetik zum Vorbild genommen. Ein ausgekippter Eimer Ideen, der sich über die Räume ausbreitet. Mal steht wie bei Ull Hohn (1960-1995) das Material im Vordergrund; von dem ehemaligen Meisterschüler von Gerhard Richter sind sehr pastose Bilder zu sehen, oder auch bei Ida Ekblads (* 1980) Arbeit „Not yet titled“ von 2013 – einem mit Lochblechen, Armierungsgitter und Schrott beladenen Einkaufswagen. Mal drängt sich plötzlich eine Erzählung in den Vordergrund wie bei Yannic Jorays (* 1986) Installation „Hallo aus dem Hinterhalt“, die den antiken Mythos von der Vernichtung der Kraniche durch die Pygmäen aufgreift. Das Rohe und Delirierende soll nach der Intention der Kuratorin als Gegengift auf die Vermarktungsstrategien den Kunstmarkt wirken, so als hätte dieser nicht längst alles aufgesogen. Die nächsten Ausstellungen werden die Fäden aus dem Knäuel entwirren müssen.

Raw and Delirious.
Kunsthalle Bern
Helvetiaplatz 1, Bern.
Öffnungszeiten: Dienstag bis Freitag 11.00 bis 18.00, Samstag und Sonntag 10.00 bis 18.00 Uhr.
Bis 30. August 2015.

 




Kunsthalle Bern