12/08/15

Interpretationsspielraum

Das Kunstmuseum Thun widmet dem schwedischen Künstler Christian Andersson eine Einzelschau

von Annette Hoffmann
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Christian Andersson, From Lucy with Love, 2011, Collection Mudam Luxembourg – Musée d’Art Moderne Grand-Duc Jean, Ausstellungsansicht Moderna Museet, Malmö, 2011, Foto: Terje Östling, Moderne Museet

Wissenschaftliche Erkenntnis, insbesondere in der Archäologie oder der Anthropologie, hängt von Zufällen ab. Ein neuer Fund kann jeder Hypothese den Boden entziehen. Und nur einmal angenommen, der amerikanische Anthropologe Donald Johanson, der 1974 den ersten Homininenschädel in Äthiopien entdeckte, wäre Stones-Fan gewesen, er hätte unsere Vorfahrin kaum Lucy genannt - während der Ausgrabungen lief der Beatles-Song „Lucy in the sky with diamonds“. Wenn aber in der Forschung der Zufall eine derartige Rolle spielt, könnte alles auch anders sein – das ist die Ausgangslage von Christian Anderssons (*1973) Kunst.

Im Kunstmuseum Thun, das dem Schweden die Einzelausstellung „Legende“ ausrichtet, nimmt seine Installation „From Lucy with love“ aus dem Jahr 2011 eine zentrale Stellung ein. Über mehrere Vitrinen breitet Andersson hier seine ganz eigene Wissenschaftsgeschichte aus. Neben Lucys Schädel und dem eines Neandertalers und des Piltdown Man, der mittlerweile als Fälschung entlarvt wurde, fällt das Licht von Schreibtischlampen auf Faustkeile, irgendwo finden sich die so genannten Bagdad-Batterien, eine der schlichten Keramikvasen ist wie ein Tonträger eingespannt. Bücher wie „The hounted house stories“ und „The table book of Utopias“ sind ebenso darunter wie die Buchrücken von historischen Wörterbüchern, Kunstpostkarten und eine Lava-Lampe. Was so etwas wie eine Geschichte des menschlichen Geistes darstellen könnte, wird durch ein raffiniertes System von Spiegeln mehrfach gebrochen und reflektiert. Zudem schaffen sie überraschende Zusammenführungen und Verbindungen. In dieses eingebunden ist auch eine kurze Sequenz auf einem alten Science-Fiction-Film, der von einem Projektor auf die gegenüberliegende Wand geworfen wird: ein Mann, mit einem Schutzanzug bekleidet, betritt ein vereinsamtes Labor und scheint die Experimente mit einem Kopfschütteln zu quittieren.

Was sich in dieser vor vier Jahren entstandenen Installation materialisiert, ist in Anderssons aktuellem Video „Dreamcatcher“ eine animierte Bilderfolge geworden. Andersson bezieht Bilder aus der Kunstgeschichte ein, nicht selten ergeben sich Mehrdeutigkeiten, irgendwo öffnet sich ein Tor oder eine Augenhöhle, hinter der sich eine weitere Welt verbirgt. Währenddessen vergeht die Zeit, unaufhörlich addieren sich auf der Timeline am unteren Bildschirmrand die Minuten. Gegen Ende schwimmt eine Qualle, die aus vielen einzelnen Exemplaren zu bestehen scheint, durch den Raum. Die Organismen werden freigesetzt, während die äußere Erscheinung zerfällt. All das scheint mit der Menschwerdung eines künstlichen Wesens verbunden. Diese sehr assoziative, fast surreale Erzählstruktur ist das Äquivalent für etwas, das sich nicht leicht fassen lässt.

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Christian Andersson, F for Fake, 2002, courtesy der Künstler und von Bartha, Basel; Cristina Guerra, Contemporary Art, Lisbon; Galerie Nordenhake, Berlin/Stockholm, Ausstellungsansicht The suitable Gallery, Chicago, 2002, Foto: Christian Andersson

Anderssons Interesse streift Methoden mit Interpretationsspielraum. So ist in Thun Theodora Alcocks Buch „The Rorschach in Practise“ gerade dort aufgeschlagen, wo sich in der Falz ein Fleck wie ein Rorschachtest ausgebreitet hat (The Rorschach in Practice, 2013). Und in einem der Räume rotieren sehr dünne Platten aus Titan in Form dieser Tests um die eigene Achse, was sie in unserer Wahrnehmung zu Skulpturen werden lässt. Es ist kein sicheres Terrain, auf das uns Christian Andersson hier lockt, oft steht man wie bei seiner Arbeit „F for Fake“ aus dem Jahr 2002 vor einem doppelten Schattenwurf und fragt sich, wie das möglich ist, bis man den Fake erkennt. Fake wie Kunst.

Christian Andersson, Legende
Kunstmuseum Thun
Hofstettenstr. 14, Thun.
Öffnungszeiten: Dienstag bis Sonntag 10.00 bis 17.00 Uhr, Mittwoch 10.00 bis 19.00 Uhr.
Bis 16. August 2015.




Kunstmuseum Thun