04/06/12

Abstraktion von ihrer narrativen Seite

Die Zürcher Künstlerin Clare Goodwin stellt in der Kunsthalle Winterthur das Antlitz der konkreten Kunst vor.

von Annette Hoffmann
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Robert, Helen, Mark und Mario Montez, Ivy Nicholson, Ultraviolet. Macht es einen Unterschied, ob wir Hard-Edge-Malerei vor uns haben oder Porträts – zumal von Menschen, die nach ihrem Auftritt bei Andy Warhols „Screen Test“ um fast 50 Jahre gealtert sind? Die falschen Wimpern von Mario Montez mögen immer noch ziemlich glamourös sein, der Autor, Schauspieler und Performer Taylor Mead hingegen ist ein alter Mann geworden. Dass die in Zürich lebende britische Künstlerin Clare Goodwin (*1973) Conrad Ventur (*1977) und Mircea Nicolae (*1980) eingeladen hat, sich an ihrer Ausstellung in der Kunsthalle Winterthur zu beteiligen, überrascht. Es überrascht jedoch nur, wenn man gewohnt ist, konkrete Kunst nach abstrakten Vorgaben oder mathematischen Formeln wie die Fibonacci-Reihe wahrzunehmen. Sieht man in den gestochen scharfen Winkeln in Brauntönen oder hell- und petrolgrüner Farbe, ist der Sprung zwischen Clare Goodwins Werk und Conrad Venturs Videoinstallation und Mircea Nicolaes nicht weniger narrativem Videofilm schon nicht mehr so groß.

Clare Goodwins Variante der Hard-Edge-Malerei bezieht sich zwar auf das Formenvokabular des Suprematismus, doch weniger auf dessen utopisches Potential als auf das Design der 1970er und -80er Jahre, mit dem Clare Goodwin aufgewachsen ist. Da sind diese Grün-Braun-Kombinationen von hohem Retro-Appeal, die irgendwann wieder sehr hip geworden waren. Sich verjüngende Winkel in Weiß, Blau und Braun bilden auf ungrundierter Leinwand ein dynamisches System, das auch an die Koordinaten eines Bildes erinnert. Da sind aber auch die acht verschiedenen Tapetenmuster, die nun abfotografiert in der Ausstellung an der Wand hängen. Luftballons, Streifen, Strukturtapete: irgendwann wurden einmal die Wohnungen damit häuslich eingerichtet, nun sind sie Fotografie und Bild geworden. Da sind auch diese traurigen Zimmerpflanzen, deren Töpfe auf Häkeldeckchen stehen. In Winterthur zeigt Clare Goodwin nicht nur erstmals diese Fotografien, ihre abstrakte Malerei verlässt auch das Bildformat, indem sie den Raum mit verschiedenen Holzböden ausgelegt hat. Dies, die Schwarzweiß-Videoporträts Venturs und Mircea Nicolaes gut einstündiger Film „Romanian Kiosk Company“, der die politischen und sozialen Verwerfungen Rumäniens mit der Geschichte des Künstlers und seiner Familie verschränkt, stehen für den menschlichen Faktor, der Clare Goodwins perfekten Bildern nur vermeintlich fehlt.

Kunsthalle Winterthur
Marktgasse 25, Winterthur.

Öffnungszeiten: Mittwoch bis Freitag 12.00 bis 18.00 Uhr, Samstag und Sonntag 12.00 bis 16.00 Uhr.
Bis 17. Juni 2012.
Kunsthalle Winterthur