08/07/15

Heimweh in der Nacht

In der Fondation Beyeler zeigt Marlene Dumas komplexe Malerei für eine komplexe Welt

von Annette Hoffmann
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Marlene Dumas, The Widow, 2013, © Marlene Dumas, Foto: Peter Cox, © 2015, ProLitteris, Zürich

In der Fondation Beyeler zeigt Marlene Dumas komplexe Malerei für eine komplexe Welt

„Das Böse ist banal“ betitelte Marlene Dumas (*1953) ein Selbstporträt von 1984. Es zeigt die damals 31-jährige Künstlerin mit flammend rotblondem Haar, das das helle Gesicht wie einen Schleier umgibt. Ihr Blick richtet sich auf etwas außerhalb des Bildes. Der Mund scheint das Gelb des Haares widerzuspiegeln, ein Schatten liegt auf der einen Gesichtshälfte, der auf die rechte Hand übergreift. In der Fondation Beyeler, die als dritte Station nach der Tate Britain und dem Stedelijk Museum Amsterdam die Retrospektive „The Image as Burden“ zeigt, liegt die Vorlage für dieses Selbstporträt mit weiteren Fotos, Zeitungsausschnitten und Stills in einer Vitrine in einem der letzten Räume der Ausstellung. Es ist ein Schnappschuss, den jemand von Dumas gemacht hat, als diese sich im Auto zur Rückbank dreht. Der Moment ist ohne Arg, nichts deutet daraufhin, dass irgendwo etwas Böses lauern könnte. Und doch gibt es kaum ein Bild bei Marlene Dumas, das nicht unter dieser Ambivalenz stände. Die Arbeiten ihrer ersten Ausstellung 1985 in Amsterdam „The Eyes of the Night Creatures“, in der neben diesem Selbstporträt auch „Genetiese Heimwee“ zu sehen war, wirken als seien sie durch ein Nachtsichtgerät erfasst worden. Irgendwie sind wir alle bei Dumas Kreaturen der Nacht.

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Marlene Dumas, Genetiese Heimwee, 1984, Courtesy Van Abbemuseum, Eindhoven, © Marlene Dumas, Foto: Peter Cox, © 2015, ProLitteris, Zürich

Ihre Werkschau in der Fondation Beyeler spannt einen großen Bogen von frühen Arbeiten aus den 1970ern, vor allem Zeichnungen und Collagen, bis hin zu aktuellen Werken. So wie Dumas immer wieder ältere Fotos aus ihrem Archiv hervor holt und als Vorlage nutzt, so folgt auch diese Ausstellung keiner ganz strengen Chronologie. Je weiter sie in die Gegenwart vordringt, desto sprunghaft-assoziativer wird die Präsentation. Dumas ist keine, die der Linearität trauen würde. Als Marlene Dumas nach dem Abschluss ihres Kunststudiums in Kapstadt nach Amsterdam reiste, muss das europäische Kino und seine Freizügigkeit wie eine Offenbarung gewirkt haben. Die großen Ausschnitte, die Köpfe, die ganze Leinwände füllen, sind den Close-ups des Films entlehnt und entfalten eine ähnlich emotionale Wucht wie ihre oft überlebensgroßen Darstellungen von Menschen. Viele von Dumas‘ Bildern sind nach Pressefotos oder Stills gemalt wie das Kleinformat von 1993 „The Image as Burden“, das der Ausstellung ihren Namen gab. Es zeigt einen Mann vor schwarzem Hintergrund, der eine vermutlich tote Frau auf seinen Armen trägt. Ihr Gesicht ist einer Maske gewichen. Ein Still aus dem Film „Die Kameliendame“ mit Greta Garbo und Robert Taylor war die Vorlage, in Dumas‘ Arbeit jedoch scheint etwas von der Abgründigkeit des Todes und der Liebe zu liegen. Vor zwei Jahren griff Marlene Dumas mit „The Widow“ ein Motiv auf, das sie 1982 bereits bearbeitet hatte. Diesmal zeigte sie einen größeren Ausschnitt als die Dreiergruppe zweier afrikanischer Männer und einer ebenfalls dunkelhäutigen, barbusigen Frau. Man ist schnell bei der Hand die Szene als Ausdruck von männlicher Hegemonie zu interpretieren, doch tatsächlich stellt es Pauline Lumumba dar, die auf traditionelle Weise ihrem ermordeten Mann inmitten von Trauernden die letzte Ehre erweist.

Über diesen Sujets vergisst man leicht, wie sehr Dumas durch andere Maler geprägt wurde. Viele der Toten, die sie gemalt hat, sind ein Nachhall auf den toten Christus von Holbein und auch Philip Guston ist sowohl was Motivik als auch die Malweise angeht, eine Referenz. Ihr monumentales Bild „Mindblocks“ aus dem Jahr 2009, das an ähnliche Mauern von Guston erinnert, ist von fast mineralischer malerischer Oberfläche. Hier explodiert die Ölfarbe fast, dann wiederum wirkt sie kreidig und deckend und ist kühl wie Eis. Innerhalb von Dumas‘ Werk jedoch nimmt es Bezug auf ihre Arbeit „The Wall“ aus dem gleichen Jahr. Es ist jedoch nicht die Klagemauer, vor der fünf orthodoxe Juden stehen und beten, sondern die Grenze, die im Westjordanland errichtet wurde. Mit der Wirklichkeit der Malerei kommt man in dieser großartigen Ausstellung so schnell zu keinem Ende.   

 

Marlene Dumas: The Image as Burden.

Fondation Beyeler

Baselstr. 101, Basel-Riehen.

Öffnungszeiten: Montag bis Sonntag 10.00 bis 18.00 Uhr, Mittwoch 10.00 bis 20.00 Uhr.

Bis 6. September 2015.




Fondation Beyeler