06/07/15

Die Revolution der Nase

Im Haus Konstruktiv begibt sich der südafrikanische Künstler William Kentridge auf die Spuren von Gogol und Schostakowitsch

von Florian Weiland
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William Kentridge, I Am Not Me, 2008, Video Still, courtesy William Kentridge

Im Haus Konstruktiv begibt sich der südafrikanische Künstler William Kentridge auf die Spuren von Gogol und Schostakowitsch

In Nikolai Gogols Erzählung „Die Nase“ entdeckt der Barbier Iwan Jakowlewitsch eines Morgens in seinem Frühstücksbrot ein Stück Knorpel, das er bald als die Nase des St. Petersburger Kollegienassessors Kowalow identifiziert. Dieser ist entsetzt, als er bemerkt, dass seine Nase verschwunden ist. Statt ihrer befindet sich in seinem Gesicht eine schrecklich kahle Stelle. Die Nase hat sich inzwischen selbstständig gemacht, trägt die Uniform eines Staatsrates und läuft durch die Stadt. Mit ihrem Besitzer will sie nichts mehr zu tun haben. Eine verrückte Geschichte, geschrieben im Jahr 1836. Der Komponist Dimitri Schostakowitsch lässt sich von Gogols absurder Erzählung zu einer Oper inspirieren. Sie feiert 1930 in Leningrad ihre Uraufführung. Im Jahr 2006 schließlich kommt der südafrikanische Künstler William Kentridge (*1955) ins Spiel. Er soll die Oper für die Metropolitan Opera in New York inszenieren. Die Vorbereitung dauert mehr als drei Jahre. Der umfangreiche Werkzyklus von Zeichnungen, Skulpturen, Animationen sowie Malerei, Druckgrafiken und sogar Tapisserien wird jetzt im Zürcher Haus Konstruktiv vorgestellt. In einem Nebenraum des Museums gibt es auch die New Yorker Operninszenierung zu sehen.

William Kentridge greift in „The Nose“ auf die Formensprache der russischen Konstruktivisten zurück. Eine Zeit des künstlerischen Aufbruchs, die mit der Machtübernahme Stalins ein jähes Ende fand. Der Auftakt zur Ausstellung ist spektakulär. Im großen Saal im Erdgeschoss wartet eine acht-teilige Videoinstallation. Real- und Trickfilm vermischen sich. Es gibt Slapstick-Einlagen, eine riesige Nase und zahlreiche Verweise auf das revolutionäre Russland. Ausschnitte aus alten Wochenschauen werden kombiniert mit alten Aufnahmen Schostakowitschs. Wir sehen den Künstler selber durchs Bild gehen und die Studenten eines von ihm organisierten Workshops. Die aufmüpfige Nase reitet hoch zu Ross – ein Verweis auf ein Reiterstandbild Zar Alexanders. Im Obergeschoss greifen mehrere kleine Bronzeskulpturen das Motiv auf. Der Künstler spielt nicht nur hier, sondern in der gesamten Ausstellung mit Verdoppelungen und Wiederholungen. Die kulturellen und politischen Umwälzungen Russlands vor und nach der Revolution sind das zentrale Thema des umfangreichen Werkzyklus. William Kentridge ist ein Künstler, dessen Werk immer auch politisch ist. Das liegt zum Teil in seiner Biografie begründet. Er wuchs im Südafrika der Apartheit auf. Sein Vater hat als Anwalt Nelson Mandela vertreten. Kentridge kennt sich mit sozialpolitischen Umwälzungen und Menschenrechtsfragen bestens aus.

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William Kentridge, Nose (with Strawberries), 2012, courtesy William Kentridge

Am Anfang von Kentridges Auseinandersetzung mit dem Thema steht eine Reihe von Druckgrafiken. Kentridge lässt Kowalows Nase auch die Welt der Kunst erobern. Sie trifft etwa auf Manets Olympia. Eine Radierung zeigt eine Seite einer Tageszeitung mit der Vermisstenanzeige, die in Gogols Geschichte von dem zuständigen Redakteur abgewiesen wird. Der Grund: es sei verboten, Absurditäten, Gerüchte und Unmöglichkeiten abzudrucken. Auf unzähligen Bildern ersetzt die Nase die Gesichter mehr oder weniger prominenter Zeitgenossen. Parallel dazu sind auch nasenlose Portraits von Parteimitgliedern des Zentralkomitees zu sehen. Kentridge schafft einen komplexen, anspielungsreichen Werkzyklus. Immer wieder finden sich Verweise auf die Typografie und Formensprache der russischen Konstruktivis­ten. El Lissitzky und Kasimir Malewitsch sind zwei entscheidende Vorbilder. Kentridge ist es wichtig, dass die konstruktivistische Kunst nicht losgelöst von den gesellschaftspolitischen Hintergründen betrachtet werden sollte. Und Kowalows Nase? Gogol überrascht mit einem versöhnlichen Ende: Eines Morgens wacht der Kollegienassessor auf und die Nase ist wieder an ihrem angestammten Platz.          

 

William Kentridge: The Nose.

Haus Konstruktiv

Selnaustr. 25, Zürich.

Öffnungszeiten: Dienstag, Donnerstag bis Sonntag 11.00 bis 17.00 Uhr, Mittwoch 11.00 bis 20.00 Uhr.

Bis 6. September 2015.




Haus Konstruktiv