03/07/15

Neue Bilder von altem Geist

28 Jahre nach seiner ersten Soloschau in der Kunsthalle Zürich inszeniert Albert Oehlen am gleichen Ort eine umfassende Selbstbegegnung

von Leon Hösl
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Albert Oehlen, I5, 2009, © Albert Oehlen, Foto: Lothar Schnepf

28 Jahre nach seiner ersten Soloschau in der Kunsthalle Zürich inszeniert Albert Oehlen am gleichen Ort eine umfassende Selbstbegegnung

„An Old Painting in Spirit“ ist die zweite Soloschau von Albert Oehlen (*1954) in der Kunsthalle Zürich – und sie schlägt gleich den Bogen zu seiner ersten, die hier 1987, kurz nach Eröffnung des Hauses, unter dem Titel „Abräumung“ zu sehen war. Es war die Zeit, in der die Spiegelbild-Serie entstand, die an dieser Stelle nun erneut prominent vertreten ist: Kunstvoll hingeschmierte Innenraumszenen in bräunlichen Farbtönen, beklebt mit Spiegelelementen, wodurch sich der gemalte und der reale Raum auf diesen Leinwänden überlagert und man selbst hin und wieder als Protagonist im Bild erscheint. In der Literatur zu Oehlens Malerei werden diese Interieurs oft als Abbild der deutschen Befindlichkeit in den Achtzigern beschrieben, der biedere Wohnraum als Ort, an dem der Geist der Nazi-Zeit ungehindert fortbestehen konnte, ein braun-grauer Brei. Oehlen brachte diesen mit einer derartigen Verachtung auf die Leinwand, dass es auf der anderen Seite des Atlantiks zu Missverständnissen kam und die US-Kunstkritik diese junge Malereiströmung aus der BRD als unheimliche Wiederauferstehung des Expressionismus mit allen problematischen Bekenntnissen zu Aura und Authentizität und dem Glauben an das schöpferische Künstlersubjekt kritisierte. Auch der Titel von Oehlens Ausstellung stammt in gewisser Weise aus den Achtzigern. Neu sortiert und abgemischt bezieht er sich auf die Londoner Gruppenschau „A New Spirit in Painting“, die 1981 das Revival expressiver Malerei thematisierte. Mit von der Partie waren damals die deutschen Neuen Wilden, nicht aber die Gruppe um Albert Oehlen und Martin Kippenberger. Die betrieben ihrerseits längst die Dekonstruktion der authentischen Künstlerpersönlichkeit, indem sie Normen und Rituale der Kunstwelt mit performativem Witz und albernen Traktaten hintergingen und sich mit den Mitteln der Malerei an der Malerei selbst abarbeiteten. 

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Albert Oehlen, Als hätte man mir die Muschel rausgedreht II, 1982, © Albert Oehlen, Foto: Lothar Schnepf

Diesen Wechsel zwischen systematischer Kontextualität und spontaner Äußerung versucht auch Oehlens aktuelle Ausstellung hervorzuheben, unter anderem mit einer Reihe bislang unveröffentlichter Zeichnungen. Anhand dieser lässt sich gut nachvollziehen, wie sich bei Oehlen die Motive entwickeln, zu Vorstufen von Bildern werden, sich mit historischen Referenzen überlagern oder das soziale Umfeld abbilden. Häufig finden sich Linienführungen, die an Bäume erinnern und damit auf die Überwindung der Gegenständlichkeit durch die Abstraktion des Baum-Motivs bei Piet Mondrian verweisen. Sie begleiten Oehlens Malerei von der wilden Frühphase über die „postungegenständlichen“ Bilder der Neunziger bis hin zu seinen jüngsten Serien. Es sind solche Parallelführungen, in denen die Ausstellung das Versprechen von Kurator Daniel Baumann einlöst, „eine Einladung zum Schauen“ zu sein. Die Linie schafft dabei Verbindungen, die auch Oehlens Collagen miteinbeziehen. Ausgangspunkt sind hier oft banale Werbeplakate, zerschnitten und auf Leinwand montiert, so dass bei wiederholtem Hinschauen die Umrisslinien der Figuren und Gegenstände an den Schnittkanten hervortreten und flüchtige Formen bilden, die beim Versuch, sie zu fixieren, jedoch wieder im grellen Wirrwarr der Werbegrafik abtauchen. Aus der jüngsten Werkphase des Malers, der heute in Appenzell lebt, sind in Zürich zwei Arbeiten zu sehen. Zum einen ist das eine Gruppe von Ölbildern auf Dibond, in der Oehlen das Baummotiv mit grellen Farbverläufen in Blau und Rot kombiniert. Kontrollierte Setzung, scheinbar spontaner Strich und gezielte Geschmacklosigkeit halten sich die Waage – ein Spiel, das für Oehlen typisch ist, hier aber kaum für Überraschungen sorgt. Für seine zweite aktuelle Arbeit bediente er sich eines akustischen Elementes. Um den Hall der Ausstellungsräume zu reduzieren – vor allem während des Eröffnungskonzerts der Band Wertmüller–Pliakas–Wittwer – hat Oehlen die Wände mit Eierkartons verkleidet. Das erinnert an Proberäume von Punk-Bands. Das zarte Grün der Kartons lässt aber zugleich an edel getönte Museumswände denken, auf der alte Meister ihre Wirkung entfalten sollen. Irgendwo zwischen Punk und musealer Gefälligkeit bewegt sich auch die Ausstellung von Albert Oehlen. Statt Abräumung wurde diesmal eher aufgeräumt.        

 

Albert Oehlen: An Old Painting in Spirit.

Kunsthalle Zürich

Limmatstr. 270, Zürich.

Öffnungszeiten: Dienstag, Mittwoch, Freitag 11.00 bis 18.00 Uhr, Donnerstag 11.00 bis 20.00 Uhr, Samstag bis Sonntag 10.00 bis 17.00 Uhr.

Bis 16. August 2015.




Kunsthalle Zürich