02/07/15

Christliche Ikonografie und Pathologieästhetik

Benedikt Hipp verwandelt das Ludwigshafener Wilhelm-Hack-Museum in eine Malerei-Oase

von Seraphine Meya

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Benedikt Hipp, Installationsansicht Wilhelm-Hack-Museum, Ludwigshafen, 2015, courtesy Kadel Willborn, Düsseldorf

Benedikt Hipp verwandelt das Ludwigshafener Wilhelm-Hack-Museum in eine Malerei-Oase

Grobe Steinbrocken liegen auf dem grauen Teppich des Museums. Sowohl der Teppich als auch die Architektur des Museums in ihrer rohen, klaren Form scheinen die Installation einer verfallenen Wasserstelle geradezu abzustoßen. Details wie ein bunter Papphocker und in Alufolie verpackte Steine neben dem leise vor sich hin plätschernden Wasser lassen in der Fantasie das Bild einer Oase inmitten einer Wüstenei entstehen. Beim Betrachten der seltsamen Inszenierung von Benedikt Hipp (*1977) beginnt ein stechend süßlicher Geruch sich in der Nase auszubreiten. Er kommt von einem riesigen, durchsichtigen Schlachtervorhang aus Plastikbahnen, der einen „Innenraum“ vom Innenraum des Museums abtrennt. Von Weichmachern benebelt tritt man durch die Plastikwand, in das „offene Herz“ von Hipps Szenografie. Hier sind die „Pneumathologic studies“ von 2015 zu sehen. Die Zusammensetzung aus pneuma – Atem – und logos – Sinn, Rede – verweist auf die Lehre des Geistes auch in der christlichen Theologie. Der Name passt nicht zuletzt angesichts der Tatsache, dass einem die Dämpfe der Raumteiler den pneuma – Atem nehmen. Der leicht berauschte Zustand, der sich einstellt, deckt sich mit der kapellenartigen Stimmung der Werkgruppierung. Die Skulpturen zitieren christliche Ikonografie, schamanische Fetische und Pathologieästhetik. Organisch anmutende, aufgeschnittene Hüllen sind mit goldenen Perlen ausgekleidet oder mit Innereien bestückt. Sie sind Körper und Altar zugleich und wirken mit ihrem Inhalt wie eine Neuformulierung von Votivgaben. Diese schon im Altertum existierenden Bitt- oder Dankesgaben an Gottheiten waren bewusst unbrauchbar, um nicht profan genutzt werden zu können. Im christlichen Kontext wurden die Gegenstände insbesondere zur Rettung aus einer Notlage Gott geopfert. Aus welcher Notlage Hipp sich oder den Betrachter zu befreien hofft, bleibt Spekulation, doch es stünden genügend weltpolitische Baustellen zur Auswahl.

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Benedikt Hipp, App for replacement characters III, 2014, courtesy Kadel Willborn, Düsseldorf

Auffallend sind kleine Collagen an der einzigen Wand des Innenraumes, die nicht aus durchsichtigem Plastik besteht. Aus geologischen Karten ausgeschnittene Bereiche, die an Organe erinnern, sind zu Abbildern des menschlichen Körperinneren zusammengesetzt. Die verschiedenen Farben stehen für Bodenvorkommen und so wird eine Verbindung zwischen dem Erdinneren und den menschlichen Organen geschaffen. Eine Form von spiritueller Ganzheitlichkeit tritt hier durch das metaphorische Zusammenfügen von Bestandteilen der  Welt zu menschlichen Grundfunktionen wie der Lunge zu Tage. Hipps Collagen erscheinen als ehrfürchtige Geste vor der Natur und ihren Gewalten. Die Votivgaben zur Rettung aus globalen Krisen sind plötzlich gar nicht mehr so fern. Der süßliche Dampf der Weichmacher erzwingt einen Raumwechsel und man geht nach draußen. Hinter der Wand mit Hipps Malereien aus amorphen Körpern in abstrakten Welten leuchtet aus dem realen Außen das rote Zeichen der Arbeitsagentur. Dieser drastische Realitätseinbruch verbildlicht die Ferne der Welten, in die Hipp den Betrachter entführt.

Die szenografische Intervention im unteren Raum des Wilhelm-Hack-Museums wirkt erfrischend ungewohnt. Die Handschrift des neuen Direktors René Zechlin ist deutlich sichtbar. Ein irritierend kleines Video von Katarina Zdjelar ist angrenzend an Hipps Ausstellung zu sehen. Es beschallt die Ausstellungsräume in regelmäßigen Abständen mit dem Hit „Shout“ der Band Tears for Fears von 1984. Die Arbeit gehört zum vielversprechenden, performativen Ausstellungsprojekt „are you talking to me?“, das nach der Beziehung zwischen Ausstellungsinstitution und Publikum fragt. Die hörbare Vermischung beider Ausstellungen wirkt sich nachhaltig auf die rauschhafte Rezeption von Benedikt Hipp aus.     

Benedikt Hipp: Ich habe meinen Augen nicht getraut, auch meinen Ohren nicht.

Wilhelm-Hack-Museum

Berliner Str. 23, Ludwigshafen.

Öffnungszeiten: Dienstag, Mittwoch, Freitag 11.00 bis 18.00 Uhr, Donnerstag 11.00 bis 20.00 Uhr, Samstag bis Sonntag 10.00 bis 18.00 Uhr.

Bis 16. August 2015.




Wilhelm-Hack-Museum