01/07/15

Vom Realwerden der Texte

Die türkische Künstlerin Meriç Algün Ringborg sucht die Gratwanderung zwischen Fiktion und Wirklichkeit

von Fiona Hesse

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Meriç Algün Ringborg, A Work of Fiction (Manuscript), 2013, courtesy Galerie Nordnehake Berlin, Foto: Gerhard Kassner, Berlin

Die türkische Künstlerin Meriç Algün Ringborg sucht die Gratwanderung zwischen Fiktion und Wirklichkeit

Einmal in die Welt eines Schriftstellers eintauchen, in seinem Arbeitsraum wandeln, dieselbe Luft atmen – im Freiburger Kunstverein ist dies derzeit möglich. Die türkische Künstlerin Meriç Algün Ringborg (*1983) erweckt in ihrer Einzelausstellung „A Work of Fiction (Revisited)“ Geschriebenes zum Leben und lässt uns Teil davon werden. Mitnichten entstammen die Worte dabei aus ihrer eigenen Feder. Nichts Geringeres als das Oxford English Dictionary dient ihr dazu, mit den darin stehenden Beispielsätzen eine Welt zu erschaffen, die vielsinnig erfahrbar ist. Bereits im vorderen Bereich des Kunstvereins, der vom Rest der Halle durch eine extra eingezogene Wand abgetrennt ist, steht vor einem Fernseher einladend ein Sessel mit Kopfhörern bereit. In dem Video „A World of Blind Chance“ liest Michael Nyqvist, ein bekannter schwedischer Schauspieler, szenische Versatzstücke, die Algün Ringborg aus dem Nachschlagewerk zu neuen, philosophisch-hintergründigen Konstellationen zusammengefügt hat.

Wie nah sich beim Schreiben Realität und Fiktion sind, zeigen die Collagen an der Wand. Zwischen den Titeln namhafter Romane hat Algün Ringborg den umseitig gedruckten Haftungsausschuss eingefügt, der jegliche Ähnlichkeiten mit realen Figuren dem Zufall zuschreibt. Auch der schwierige Prozess des Schreibens wird thematisiert. Alphabetisch aufgereiht zeugen die 150 leeren Bücher der Wandinstallation „On Writing“ mit ihren betitelten Buchrücken von zahlreichen Versuchen, das Geheimnis des Schreibens zu lüften. Vor Betreten der nächsten Szenerie im hinteren Teil der Ausstellung erhält man Einblick in die Sätze, welche der Hauptinstallation zugrunde liegen. Von „garden plants“ über „a classic example of Norman design“  bis hin zu „the table was strewn with books and papers“ kann die gesamte Einrichtung des imaginierten Schriftstellers nachvollzogen werden. Selbst die kriminalistische Liebesdrama-Novelle, die der Ausstellung den Namen gab, besteht ausschließlich aus solchen Beispielsätzen und kann weiß behandschuht gelesen werden. Auch die Verbindung zur bildenden Kunst schafft Algün Ringborg, indem sie Sätze wie „a video installation, a very common art form“ oder „a bust made of plaster“ hinzufügt. So kann sie eigene Arbeiten integrieren, die sich ebenfalls auf Bücher oder den Akt des Schreibens beziehen, wie „Men in Buckram“, „Eternity“ oder „Metatext“. Ähnlich einer russischen Matroschka entdeckt der reale Besucher in dieser fiktiven Welt immer wieder Kunst in der Kunst. Wer nach diesem Ausflug in die Welt eines Schriftstellers mehr von der mittlerweile in Stockholm lebenden Konzeptkünstlerin sehen will, muss nach Venedig fahren. Auf der 56. Biennale di Venezia kann man sich von Algün Ringborg, selbst eine Pendlerin der Kulturen, in die faszinierende Handelswelt ihres Großvaters entführen lassen.    

Meric Algün Ringborg, A World of Fiction (Revisited)

Kunstverein Freiburg

Dreisamstr. 21, Freiburg.

Öffnungszeiten: Dienstag 12.00 bis 18.00 Uhr, Mittwoch 12.00 bis 20.00 Uhr, Donnerstag bis Sonntag 12.00 bis 18.00 Uhr.

Bis 19. Juli 2015.

 




Kunstverein Freiburg