30/06/15

Die Politik der Bodens

Die spanische Künstlerin Lara Almarcegui macht sichtbar, was sich unter unseren Füßen befindet

von Yvonne Ziegler

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Lara Almarcegui, Installationsansicht mit 300 Kubikmeter Aushub im Kunsthaus Baselland, 2015, Foto: Serge Hasenböhler

Die spanische Künstlerin Lara Almarcegui macht sichtbar, was sich unter unseren Füßen befindet

Die so genannten bergfreien Bodenschätze unter unseren Füßen gehören dem Staat. Es bedarf einer Konzession, um sie abzubauen. Diese erhält man, wenn man die für den Abbau notwendigen finanziellen Mittel und das entsprechende technische Know-how nachweisen kann. Für eine Privatperson ist dies recht schwierig. Die spanische Künstlerin Lara Almarcegui (*1972) suchte für ihre letzte Arbeit nach einem Staat, in dem man relativ einfach ein Grundstück samt Erdreich kaufen kann. In Tveitvangen, nahe Oslo, besitzt die spanische Künstlerin nun ein ein Quadratmeter großes Stück Land inklusive einer neunjährigen Konzession für Eisenabbau. Im Kunsthaus Baselland zeigt sie in Form einer Projektion Aufnahmen des von Steinformationen, Schneeresten, Wald und Pflanzen überwucherten Gebiets zusammen mit beschreibenden Texteinblendungen. Der Künstlerin geht es bei „Mineral Rights, Treitvangen“ um die Besitzverhältnisse und das Potential, die unter ihrem Gebiet liegenden Eisenvorräte zu fördern. Sie wird das Land jedoch unangetastet lassen und so zur Beschützerin eines unsichtbaren potentiellen Schatzes werden.

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Lara Almarcegui, Mineral Rights, Teitvangen, 2015, Projektionsstills

Almarcegui interessiert sich auch für die Schätze über der Erde, genauer gesagt das Material, mit dem wir Städte bauen. Für Lund, Dijon und São Paolo hat sie ausgerechnet, welche Baumaterialien für die Errichtung der Stadt verwendet wurden. Auf der Wand listet sie die jeweils verbauten Mengen von Asphalt, Schotter, Beton, Stahl, Glas und Ziegel in der Landessprache untereinander auf. Diese Angaben zeugen nicht nur vom Aufbau der Stadt, sondern auch vom potentiellen Bauschutt, den sie bei einer Zerstörung hinterlassen würde. Aus dem Boden gehobenes Material kommt so in einen gedanklichen Wiederverwertungskreislauf. Hinter diesen sortierten, blanken Zahlen stehen auch die Sisyphusarbeit des Rechnens und des realen Bauens, die das Bewegen von Massen sowie das Vergehen von Arbeitszeit mit einschließt. Die Berechnungen stimmen im Übrigen nur für den Moment des Aufschreibens, denn Städte sind in ständiger Transformation begriffen. Hierin ähnelt die Textarbeit dem Medium Fotografie, das sonst zur Dokumentation von Architektur genutzt wird. Im Moment der Erfassung ist das Erfasste bereits Vergangenheit.

Internationale Aufmerksamkeit erhielt Almarcegui durch ihren Auftritt auf der Biennale von Venedig 2013, wo sie im Inneren des Spanischen Pavillons die Baumaterialien aufschichtete, mit denen das Gebäude hauptsächlich errichtet worden war. Stehende Konstruktion und potentielle Zerstörung waren gleichzeitig isoliert präsent und miteinander verschränkt. Für das Kunsthaus Baselland hat Almarcegui ebenfalls Massen bewegt. Ausgehend von den aktuellen Stadt- und Wohnbauprojekten der Region erforschte sie die Erdbeschaffenheit mehrerer Großbaustellen. In Bottmingen fand sie lehmhaltige Erde, die typisch für die Region ist. 300 Kubikmeter dieses Aushubmaterials ließ sie durch ein auf Baumaterialientransport spezialisiertes Unternehmen in die untere Schedhalle der Institution bringen und zu einer lockeren Erdformation aufschichten, die den Besucher an den Rand drängt, von wo aus er über die aufgeworfene Erdlandschaft blicken und dessen lehmigen Geruch wahrnehmen kann. Außer dem Titel „Aushub aus Basel“ weist nichts auf die konkreten Anliegen der Künstlerin hin. Will sie Städter mit Natur konfrontieren, um authentische Erfahrungen hervorzurufen? Dann müsste man aber auch hindurchstapfen dürfen. Will sie an die Schönheit des Erdreichs unter unseren Füßen erinnern? Soll auch auf die Großprojekte aufmerksam gemacht werden und das Gewerbe der Aushubtransporte? In deren Kreisläufe greift sie jedenfalls ein, denn für ein paar Monate hat der Aushub ein öffentliches Zwischenlager im Museum gefunden.  

       

Lara Almarcegui

Kunsthaus Baselland

St. Jakob-Str. 170, Basel-Muttenz.

Öffnungszeiten: Dienstag, Donnerstag bis Sonntag 11.00 bis 17.00 Uhr, Mittwoch 14.00 bis 20.00 Uhr.

Bis 12. Juli 2015.




Kunsthaus Baselland