29/06/15

Symbolische Tiefenbohrungen

Der Werner-Stober-Preisträger David Semper hat sich mit der Geschichte der Städtischen Galerie Karlsruhe befasst

von Carmela Thiele

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David Semper, Sediment, 2015, Foto: ONUK, © Bild-Kunst, Bonn 2015

Der Werner-Stober-Preisträger David Semper hat sich mit der Geschichte der Städtischen Galerie Karlsruhe befasst

So richtig explosiv sind künstlerische Interventionen schon lange nicht mehr. Alles ist möglich, nichts zwingend, oder doch? Der Werner-Stober-Preisträger David Semper (*1980) gilt als minima­lis­tischer Künstler, seine Rauminterventionen sind abgeleitet von den Gegebenheiten des Ortes, das Material ebenso. Wenn jemand mit solchem Programm in der Städtischen Galerie Karlsruhe ausstellt, könnte es spannend werden. Denn die Galerie ist im Lichthof 10 des ZKM-Hallenbaus untergebracht, ursprünglich also einer Waffen- und Munitionsfabrik der Industriewerke Karlsruhe-Augsburg (IWKA), die 1918 fertiggestellt wurde.

So erscheint es zwar nicht zwingend, aber legitim, dass sich Semper für seine temporäre Intervention in Karlsruhe mit Schwefel beschäftigt hat. Das chemische Element ist ein Bestandteil des explosiven Schwarzpulvers, wurde aber auch von Künstlern und Künstlerinnen wie etwa Ingeborg Lüscher als Malmaterial benutzt. David Semper experimentierte mit Schwefelpigmenten, die er vermischt mit Wasser in einem Glas verdunsten ließ. Wann und warum er die pilzförmige Betonstrich-Haube auf den drei Gläsern platzierte, bleibt rätselhaft. Die Relikte des Experiments hat er auf den Boden gestellt. Außerdem stecken 39 faustgroße gelbe Schwefelbrocken in nebeneinander seriell angeordneten kreisrunden Löchern in einer Stellwand und verbreiten einen schwefeligen Geruch. Semper benutzt keine Sockel, keine Rahmen; er verzichtet auf Aura.

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David Semper, Fries, 2015, Foto: ONUK, © Bild-Kunst, Bonn 2015

Da sich die Städtische Galerie gerade im Umbau befindet, bot sich dem ehemaligen Meisterschüler von Leni Hoffmann noch ein weiterer Anknüpfungspunkt. Eine Arbeit von Sigmar Polke war nicht ausgelagert worden, sondern – unter Pressspanplatten geschützt – an ihrem angestammten Platz verblieben. Semper integrierte den Kasten, denn Polke, der selbst mit Pigmenten und zum Teil giftigen chemischen Stoffen gearbeitet hat, muss ihm ein Wahlverwandter sein. Der Absolvent der Karlsruher Kunstakademie färbte die vordere Fläche des Schutzkastens schwarz und sparte dabei in Anspielung auf eine berühmte Arbeit Polkes die rechte obere Ecke aus. 

Der dafür (vielleicht) benutzte Graphit-Klumpen ragt in Bauchhöhe neben dem Kasten aus der Wand. Seine Abriebstellen verweisen auf die körperliche Arbeit des Künstlers, die unmittelbare Auseinandersetzung mit dem Material. Doch vermeidet Semper, seine eigene Handschrift zu hinterlassen. Anstatt mit Stiften auf Papier zu zeichnen, bohrte er drei Löcher in einen Karton und füllte diese mit Graphit. Mit dem Finger kreiste er darüber, sodass sich aus dem Abrieb schwarze Scheiben ergaben. Seine Tiefenbohrung in die Vergangenheit des Gebäudes ist symbolisch, seine Bohrungen im Material aber sind echt.       

David Semper

Städtische Galerie Karlsruhe

Lorenzstr. 27, Karlsruhe.

Öffnungszeiten: Mittwoch bis Freitag 10.00 bis 18.00 Uhr, Samstag bis Sonntag 11.00 bis 18.00 Uhr.

Bis 5. Juli 2015.




Städtische Galerie Karlsruhe