26/06/15

Fresh Fast Fun

Im Kunstverein Pforzheim adaptiert Stephanie Kiwitt Inszenierungen der Warenwelt

von Isabel Mehl
Thumbnail

kiwittcapital.jpg

Stephanie Kiwitt, Capital Decor, Ausstellungsansicht im Kunstverein Pforzheim, 2015, courtesy the artist und Galerie Weingrüll, Karlsruhe

Im Kunstverein Pforzheim adaptiert Stephanie Kiwitt Inszenierungen der Warenwelt

Wer die Installation „Choco Choco“ im Kunstverein Pforzheim betritt, steht einem zerfließenden Choco-Torbogen gegenüber, während direkt zur Linken ein Choco-Rechteck vor leuchtend blauem Hintergrund lockt. Dazwischen ist die Fotografie kleiner, sich im Fall befindlicher, leicht verschwommener Rechtecke positioniert – irgendwo zwischen Abstraktion und Konsum. Die elf großformatigen Inkjetprints (in Farbe und Schwarzweiß) der Künstlerin Stephanie Kiwitt (*1972) kreisen um das Konsumprodukt Schokolade. Dessen glatte Oberfläche erscheint mal in Form eines spiegelnden schwarzweißen Choco-Sees, mal in Form eines milchbraunen Strahls, der aus einem Rohr schießt (sieht sexuell aus), oder daneben als Schokoladenrest unter den Fingernägeln einer gespreizten Hand nach verrichteter Arbeit – Überfluss, Verführung, dirty. Schokolade wird bei Kiwitt Gegenstand einer gesellschaftlichen Inszenierung, ein zerfließend schöner Symbolträger der westlichen Wohlstandsgesellschaft. Mit Handschuhen werden die kleinen Rechtecke fein säuberlich gruppiert und stehen dann auf gelber Fläche bereit für den Zugriff. Auf der Rückwand des Eingangsbildes finden sich die Überreste eines Zerteilungskampfes, feine gerade milchbraune Linien auf metallener Fläche.

 kiwittchoco2.jpg

Stephanie Kiwitt, aus der Serie Choco Choco, 2015, courtesy the artist und Galerie Weingrüll, Karlsruhe

Vor dem Betreten der Installation präsentiert Kiwitt die namensgebenden Einzelteile ihrer Installation „Capital Decor“ in Vitrinen: eine glänzend weiße Schallplatte und ein großformatiges Leporello. Letzteres besteht aus Schwarzweiß-Fotografien von Supermarktansichten. Im Inneren des Raumes liest eine männliche Stimme in Roboter-Manier – die des Schauspielers Christophe Piette – die Ansammlung an Wörtern vor, die Kiwitt aus diesen Fotografien extrahierte. Produktnamen und -beschreibungen oder Transaktionshinweise. Mit französischem Akzent, ein Hinweis auf Kiwitts Wohnort Brüssel, tönt die Stimme ruhig, aber unaufhörlich aus einem schlanken silbernen Lautsprecher in der rechten Ecke des Raumes. Die Sprache des Konsums ist Englisch – der französische Akzent unterstreicht die Fremdheit der Werbesprache und deckt zugleich ihre Vertrautheit auf. Mister Cash, Mastercard. Merci, Maestro.

Die nahtlos aneinandergereihten schwarzweißen Discounterfotografien ragen auf Tischen quer in den Raum hinein. Die meist menschenleeren Fotografien abtastend bleibt das Auge an überdimensionierten Handys oder von der Decke hinab baumelnden Werbenachrichten hängen – „Buy to Win“ – und sucht dann weiter hinter verlassenen Kassen nach Spuren der Konsumentinnen und Konsumenten. Doch diese stehen verlassen und hilflos an den Selbstbedienungskassen und verschmelzen auf verstörende Weise mit dem Inventar. Die gezeigten Supermarktlandschaften sind tote Räume, die Transformation ins Schwarzweiß macht sie schon in der Gegenwart vergangen – als ein Abbild ihrer selbst, eine Kulisse. Wer versucht, mit seinem Blick diese Räume wiederzubeleben, wird dabei von der ‚Stimme des Konsums‘ unterstützt, dessen Vortrag teilweise an dadaistische Gedichte erinnert, so zum Beispiel wenn die rhythmische Aneinanderreihung des Namens der Glühbirnenmarke „Osram“ nur durch Zusatzinformationen wie „Minus 40 Percent Energy“ unterbrochen wird. Während die Schokolade noch vor verschiedenfarbigen Hintergründen inszeniert und als Produkt mittels Verfahren der Werbe- und Sachfotografie ins rechte Licht gerückt wurde, wird in „Capital Decor“ alles zum schlecht ausgeleuchteten Dekor, zur schummrigen nicht enden wollenden Oberfläche. Hier lässt sich nichts mehr abstrahieren, jede Verheißung einer schöneren, genussreicheren Welt scheint verloren und keine ästhetische Metaebene wird erschaffen: Die Konsumwelt ist ihrer Farbe beraubt und steht als nackte, hässliche und leere Hülle vor uns. Kiwitt scheint all das aus der Ferne zu betrachten und eine Situation zu kreieren, in der wir diese Räume genauso anstarren wie sie uns. Vielleicht sollten wir doch mal (re-)agieren? – No Exit. 

       

Stephanie Kiwitt: Choco Choco / Capital Decor.

Kunstverein Pforzheim

Jahnstr. 42, Pforzheim.

Öffnungszeiten: Dienstag bis Sonntag 10.00 bis 17.00 Uhr.

Bis 5. Juli 2015.




Kunstverein Pforzheim