06/06/12

Im Fluss der Nacht

Die Ursula Blickle Stiftung gibt einen Überblick über die Videos und Performances von Yorgos Sapountzis.

von Julia Bömers
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Die Ursula Blickle Stiftung gibt einen Überblick über die Videos und Performances von Yorgos Sapountzis.4100heritage.jpg

Es ist Nacht, ein Mann löst mit Tritten den Alarm eines Autos aus, beginnt, sich im Rhythmus der Sirene zu bewegen. Er tanzt im Dunkeln, die Bewegungen werden weich und fließend im diffusen Licht, als verschmelze der Körper mit dem Grau der Nacht. Er tanzt ohne Ziel und Zweck, ein Tanz des urbanen Menschen, sinnlos und schön, verloren und geborgen im Dunkel der Stadt. Wie hier im Videofilm „Nightlife“ von 2001 sind auch die anderen Arbeiten – Zeichungen, Objekte und Installationen, Videofilme und Performances – des griechischen Künstlers Yorgos Sapountzis in der Stadt angesiedelt, die die Menschen umgibt und widerspiegelt. Hier aber wird sie ungewohnten Blicken unterworfen, wird in Gruppen- oder Einzelperformances durchschritten, erkundet, betanzt, mit neuen Bildern und Zeichen versehen – in der Nacht, wenn die Dinge unscharf und grau werden. Sapountzis erobert sich die Räume, wenn die Kontrolle des Tages nachlässt, die gewohnte Ordnung nicht mehr trägt, wenn sie sich öffnen für neue Blicke, neue Definitionen.

Ankerpunkte seiner Aktionen sind zumeist Skulpturen im öffentlichen Raum. An ihnen, städtischen Zeichen kultureller Selbstverortung, arbeitet der Künstler sich ab, bespielt und umtanzt sie, verhüllt und verkleidet sie. Aufgewachsen in Athen, kam der 1976 geborene und heute in Berlin lebende Künstler von Kindheit an mit antiken Skulpturen in Berührung. In seiner künstlerischen Arbeit nun, die sich in der Ausstellung „Video und Picknick“ in der Ursula Blickle Stiftung dokumentiert und fortspinnt, setzt er der überkommenen Bedeutsamkeit, der mitunter schweren Monumentalität dieser Kunstwerke die eigenwillige Leichtigkeit seiner Performances entgegen. Mit einfachen, handhabbaren Materialien wie bunten Tüchern, Aluminiumstangen oder Zeitungspapier, und mit lose strukturierten Aktionen trägt er Veränderlichkeit, Alltägliches, Flüchtiges an die alten Kunstwerke heran, zersetzt deren unberührbare Höhe, unterläuft festgefügte Denkgewohnheiten.

In seinem Video „Forgotten Tactic“ (2006) saust Sapountzis, stets Akteur seiner Filme, zu schnell gefilmt in rasenden Trippelschritten durch die leergefegten nächtlichen Straßen Berlins, umhüllt von einem beweglichen kubischen Gitter, der Kunststoff-Imitation einer zeitgenössischen Skulptur von Sol Lewitt, die er in den Händen trägt und schließlich chaotisch verdreht auf das Bismarckdenkmal von Reinhold Begas aus dem 19. Jahrhundert drapiert. Immer wieder folgt der Künstler diesem Verlauf: Geht einen Weg, begegnet Skulpturen, bringt Unruhe und Chaos hinein, fügt eine neue Ordnung, ein neues Bild – und lässt sie wieder zusammenfallen: So ermögliche er den Ideen, „wieder frei zu fließen“. Veränderung, In-Fluss-Bringen sind die Konstanten seiner Arbeit: Gehend, tanzend und verkleidend bringt Sapountzis massive Monumente in Bewegung; Wiederkehrende Bildelemente wandern durch sein Werk – gitterartige Muster etwa, die architektonische Konstruktionen aus Stangen und Stoffen bilden, Zeichnungen grundieren, Räume strukturieren oder auch einem Picknick den Boden bieten. Und in steter Wandlung sind die Werke selbst begriffen, werden von Objekten zu Installationen, dann Teil einer Performance und aus dieser zum Film.
Beiläufig, handgestrickt, unklar wirken Sapountzis’ Arbeiten auf den ersten Blick. Klare Aussagen, ein zu erreichender Sinn sind nicht sein Ziel: „Ein Kunstwerk macht immer mehr Probleme, als es lösen kann“, so der Künstler. Doch im Tun, im körperlich-tätigen Sich-Abarbeiten an den Dingen, in der Spontaneität der halbimprovisierten Aktion und im Blick darauf wandelt sich die Wahrnehmung, leuchten Bedeutungen auf und poetische Momente, die tief in die Sinnsuche des städtischen Menschen hineinreichen – und wieder verglühen. Sapountzis feiert den Augenblick, das unbewusst-bewusste Sein in der Spannung zwischen Höhe und Banalität, zwischen Bedeutung und Sinnleere, zwischen Festschreibung und Vergänglichkeit.

Yorgos Sapountzis, Video und Picknick.
Ursula Blickle Stiftung

Mühlweg 18, Kraichtal-Unteröwisheim.

Öffnungszeiten: Mittwoch 14.00 bis 16.00 Uhr, Sonntag 14.00 bis 18.00 Uhr.
Bis 8. Juli 2012.
Bei Sternberg Press ist ein Katalog erschienen: A Statue has remembered me/Eine Statue hat sich an mich erinnert, 256 S., 29,00 Euro. Ursula Blickle Stiftung