22/06/15

Quadratur des Kreises

Die junge, freie Kunstszene ist äußerst mobil. Ein Off-Space-Guide versucht sie jetzt zu fassen

von Dietrich Roeschmann

spacesklein.jpg

Marina Gärtner, Space, Deutscher Kunstbuchverlag, München 2015, 9,90 Euro, 15.90 Franken

Die junge, freie Kunstszene ist äußerst mobil. Ein Off-Space-Guide versucht sie jetzt zu fassen

Irgendwann, kurz nach Weihnachten 2011, ging dem Kunstmagazin „Art“ die Puste aus. Gut zwei Jahre lang hatte die Redaktion unter dem Titel „Trainingslager der Subkultur“ Woche für Woche einen neuen Off-Space in Deutschland vorgestellt. Dann kapitulierte sie. Nicht, dass es keine Räume mehr gegeben hätte, die man hätte vorstellen können – im Gegenteil: Es waren inzwischen so viele, dass „Art“ seine Serie auf täglichen Erscheinungsrhythmus hätte umstellen müssen, um das aktuelle Gründungsfieber und die enorme Mobilität der jungen Szene angemessen abbilden zu können. Als im Januar 2012 der letzte Beitrag über den Berliner Off-Space Grimmuseum erschien, war rund die Hälfte der knapp 100 Räume, die „Art“ bis dahin vorgestellt hatte, bereits wieder geschlossen oder unter neuem Namen, mit neuem Konzept oder neuen Leuten in neue Räume umgezogen.

Selbstorganisierte Kunsträume, in denen eine junge, experimentierfreudige Szene abseits des institutionalisierten Kunstbetriebs ihre eigenen Vorstellungen von Öffentlichkeit, Kollaboration und Diskurs umsetzen, haben eine lange Tradition. Ihren ersten Boom erlebten sie in den frühen Neunzigern, als die europäische Industrie ihre Produktion weitgehend ins Ausland verlagert hatte und in den Großstädten plötzlich ganze Areale leer standen, die nur darauf zu warten schienen, von künstlerischen Subkulturen besetzt zu werden. In einer zweiten Phase ab Mitte der Nullerjahre, in der billiger Baugrund in den Städten zunehmend knapp wurde und die Mieten stiegen, fand sich die freie Kunstszene plötzlich in der Rolle des Trend­scouts für die Immobilienwirtschaft wieder. Während einige gegen diese Gentrifizierung mobil machten, passten sich andere den Gegebenheiten an und begannen – oft unterstützt von Kulturämtern oder Kunstakademien – die Idee des

Off-Space als verortbare Indie-Institution zugunsten temporärer Zwischennutzungskonzepte in klar definierten Zeitfenstern zu überdenken. Pop-Up-Ausstellungen in Abriss-Immobilien oder leer stehenden Wohnungen, kurz bevor die neuen Mieter einziehen, gehören heute längst ebenso zum Off-Alltag wie die professionelle Programmarbeit der etablierten Dinosaurier. Angesichts dieser Beweglichkeit und Vielschichtigkeit der freien Szene wirkt es da fast schon wie ein rührender Anachronismus, wenn der Deutsche Kunstverlag jetzt mit Marina Gärtners „Spaces“ einen Off-space-Guide durch 30 deutsche Städte vorlegt. Gibt es ein trägeres Medium als das Buch, um sich hier sinnvoll einen Überblick zu verschaffen? Dennoch könnte es seinen Zweck erfüllen: als Teaser der Website www.spaces-guide.de, in der – mit etwas gutem Willen und Interesse an Vernetzung – das Potenzial für ein umfassendes Branchenverzeichnis der Szene stecken könnte.           




Deutscher Kunstbuchverlag