15/06/15

Dijan Kahrimanovic

Der Träger des Helvetia Kunstpreises 2015 performt gefundene Fotografien und porträtiert sich nach den Vorstellungen von Fremden

von Annette Hoffmann
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Dijan Kahrimanovic, o.T., 2015

Der Träger des Helvetia Kunstpreises 2015 performt gefundene Fotografien und porträtiert sich nach den Vorstellungen von Fremden

Dijan Kahrimanovic (*1990) richtet die Projektionsleinwand auf, für einen Moment verschwindet der junge Künstler dahinter. Das Gestell für den Diaprojektor steht bereits, Kahrimanovic greift sich die Bücher aus der grauen Transportbox, einen schmalen Band legt er unter den Projektor, um die Höhe auszugleichen. Das Equipment, das er mit routinierten und gelassen wirkenden Handgriffen aufbaut, ist in etwa so alt wie die Dias, die er manuell transportiert. Im Laufe seiner Performance, mit der er den Helvetia Kunstpreis gewann, wird er den Projektor mehrmals umkreisen, die Richtung ändern und innehalten, mal auf Schweizerdeutsch, mal auf Bosnisch einige Sätze sagen. Sie kommentierten die Aufnahmen aus dem Familienalbum – Feiern, Kinder in karierten kurzen Hosen, die Katzen auf dem Schoss halten, Urlaubsbilder – auf eine sehr grundsätzliche Weise. „Ich schaue in den Spiegel und sehe mich und sehe mich doch nicht“, heißt es einmal. Was ist für den Einzelnen, was für die Gruppe identitätsstiftend? Wie unterscheiden sich die beiden Nationen voneinander? Das sind Fragen, mit denen sich seine Abschlussarbeit an der F+F Schule für Kunst und Mediendesign Zürich befasst. Zu den Dias ist er durch Zufälle gekommen, sie stammen aus Wohnungsauflösungen, aus Kameras vom Flohmarkt oder dem Brockenhaus. Wenn Kahrimanovic sie sich aneignet, folgt er weniger einem Sammeltrieb als dem Bedürfnis, sie zu bewahren. Es gehe ihm auch darum, Bilder von Leuten, die vermutlich tot sind, zu beschützen, macht er deutlich.

Was in dieser Performance aus dem Jahr 2014 so spielerisch-leicht wirkt, ist für den in Immensee lebenden Künstler ein existentielles Thema. Kurz vor seiner Geburt fuhren seine Eltern zur Entbindung von der Schweiz nach Bosnien, weil dort die Arztkosten niedriger waren. Ein klarer Fall von Sparen am falschen Ende – als einziger seiner Familie hat er keinen Schweizer Pass. Ein Umstand, den er in einer Kunstaktion thematisierte. Auf dem Weg zu seinen Verwandten überklebte er seinen blauen Ausweis rot und weiß als sichtbaren Hinweis für ein „Übergangsverfahren“. Erst an der bosnischen Grenze fiel den Zollbeamten die Unregelmäßigkeit auf, zwei Stunden hing er fest.

Auch die Arbeit, die eigens für die Preispräsentation auf der Basler Liste entstanden ist, berührt die Grenze zwischen Aneignung und Übergriff. Über drei Wochen hinweg rief er willkürlich gewählte Nummern an und fragte die überraschten Gesprächspartnern: „Wie stellen Sie sich vor, dass ich aussehe?“ Die Antworten sollten ihm als Anweisungen für Selbstporträts in seinem Fotostudio dienen. Viele legten sofort auf, andere ließen sich auf dieses Vexierspiel ein. 300 Schwarz-Weiß-Fotos sind dabei entstanden, die in Basel nun eine Kuppel bilden werden. Sie haben alle das gleiche Sujet: Dijan Kahrimanovic. Ernst mit Rollkragenpullover, lässig mit übergehängter Jeansjacke, lasziv-halbnackt. Wüsste man nicht, dass diese Selbstporträts Zuschreibungen sind, man müsste dies für einen ausgeprägten Narzissmus halten. Tatsächlich reflektiert die Serie das allgegenwärtige Bedürfnis nach Inszenierung des eigenen Bildes, zugleich ist beklemmend, wie hier ein Individuum sich selbst behauptet, während es ein Spielball anderer ist. Porträts, Familien- und Urlaubsfotos gehören zum üblichen fotografischen Spektrum, doch Kahrimanovic begnügt sich damit nicht, er performt die Beziehung zwischen Fotografen und Betrachter und einem zufälligen Mitspieler. Bei einem Studienaufenthalt in den USA machte er Fotos von Fremden, es sind sehr unmittelbare Aufnahmen geworden, die wie Fragmente aus einem Leben wirken. Danach hat er sie nicht mehr getroffen. Warum? „Nur die erste Begegnung ist interessant, weil man sehr direkt sein kann“.      

 

Dijan Kahrimanovic, Träger des Helvetia Kunstpreises 2015,

Soloshow an der Liste 20 – Art Fair Basel, Warteck PP, Burgweg 15, Basel.